Bye

Für alles andere bist du nicht oberflächlich genug

Veröffentlicht: Sonntag, 5. Juni 2016

„Keine zufälligen Begegnungen mehr“, hast du mir heute Mittag geschrieben, du seist die letzten Stunden hier mit all denen verabredet, die du noch einmal sehen möchtest. Exklusiv. Unter vier Augen. Nicht auf einer Party oder bei einem spontanen Drink an der schönen Aussicht – mit der Aussicht, noch irgendwo zu landen.

Aus meiner Perspektive gesehen eine interessante Aussage. Weil es der Zufall war, der uns zusammen brachte – auf einer Party mit vielen Drinks und der Aussicht, danach noch irgendwo abzustürzen. Trotz Arbeit am Montagmorgen.

Ich habe dir das Tränendrama wie vereinbart erspart, in erster Linie aber mir. Dennoch bin ich bestürzt, dass du gehst. Ganz persönlich. Weil du nach dieser zufälligen Begegnung vor bald vier Jahren schnell eine der drei wichtigsten Bezugspersonen für mich im Norden wurdest. Weil du Dinge für mich getan hast, die „normale Freunde“ nicht einfach tun würden. Mit deiner Menschenkenntnis als Urteilsgrundlage, sicher, bis zu einem gewissen Grad aber auch dank großem Vertrauen.

Nicht zufällig hieß einer der Texte, die ich über dich schrieb „Die besten Menschen bringt der Zufall“. Das war vor bald drei Jahren. Heute weiß ich: Manchmal nimmt dir der Zufall die besten Menschen auch wieder. Und keiner von uns kann wirklich etwas dagegen sagen, und keiner würde versuchen, dich aufzuhalten.

Weil wir alle schon vor dieser Entscheidung standen, einige vor gar nicht allzu langer Zeit: Rotterdam oder Berlin, München oder Köln – im Grunde befassten sich viele unserer gemeinsamen Freunde in den letzten Jahren immer wieder mit diesen Standortfragen. Du hast sie jetzt mit „Ja“ beantwortet. Für dich handelte es sich eher um Standpunktfragen. Nämlich zu tun, was das Herz will. Darauf hinzuarbeiten und irgendwann den Absprung zu wagen und gleichzeitig den Sprung ins kalte Wasser.

Diese Einsicht macht den Abschied nicht schöner. Auch nicht die Aussicht auf Google-Hangouts, FaceTime-Chats und Facebook-Postings vom Strand. Ich glaube, dass viele von uns nicht ganz zufällig eine besondere Beziehung zu dir haben. Keine dieser Standard-Freundschaften. Eher Beziehungen, in denen man sich heftig streiten und aneinander reiben kann, die beide Seiten gerade deshalb voranbringen. Das hier war nie eine Schönwetter-Freundschaft. Ich meine, keiner kritisiert mich so hart wie du. Und wenigen anderen würde ich Urteile wie deine verzeihen.

Wegen deiner teils ungewöhnlichen Meinungen, kontroversen Ansichten – aber eben auch, weil du denen, die du „Inner Circle“ nennst, immer Anschubhilfe gibst, wenn sie eine brauchen. Bei Liebeskummer, bei Geldproblemen, bei der Wohnungssuche. Fakt ist, dass du die, die dir wichtig sind, nicht im Regen stehen lässt. Insofern freuen wir uns alle, dass du jetzt dorthin gehst, wo du immer Sonne und Strand hast. In eine Stadt, die für dich das ist, was für mich immer Hamburg war – und noch ist: das Erstrebenswerte.

Du weißt, ich hasse Abschiede. Ich kann keine Abschiede. Ich mache polnische Abgänge von Partys, oder verschwinde heimlich aus Clubs, wenn ich mich danach fühle. Ich habe dir gerade gesagt, dass das Wegziehen kein großes Ding sei, weil zwei, drei Flugstunden heute gar nichts seien, weil es Video-Chats gebe und man 2016 ja nirgends wirklich aus der Welt sei.

Das alles stimmt. Du bist nicht aus der Welt. Aber eben nicht mehr so greifbar. Im Alltag. Der grausam sein kann. Wir werden das in Situationen merken, in denen wir spontan bei dir vorbeigekommen wären. Für einen Rat, ein nettes Gespräch oder ein Glas Wein. Wahrscheinlich werden wir gemeinsame Zeit zukünftig viel intensiver nutzen. Weniger gedankenlos als betrunken auf einer Party – wie letztendlich auf jener, auf der wir uns zufällig begegnet sind.

„Ich kenn dich von Facebook“, hast du mir damals durch die halbe Location entgegen gebrüllt. Als ich noch neu in dieser Stadt war und niemanden kannte. So ist es auch okay, dass das Letzte, was ich dir vorerst zu sagen habe, auf den sozialen Netzwerken landet: Danke! Für vier fantastische Jahre, für Streitgespräche, die nicht immer zum Ausgleich führten, immer aber zu neuen Impulsen. Vor allem für die Hilfe in dem einen Moment, in dem es wirklich, wirklich wichtig war.

Es gibt Dinge, mit denen dich selbst Freunde allein lassen. Ich wollte dir nur mit auf den Weg geben, dass ich das weiß. Und dich dementsprechend zu schätzen. Ich hatte gerade das Gefühl, dass du bei unserem Abschied absichtlich viele Dinge angesprochen hast, von denen du weißt, dass sie mich mal belastet haben, besorgt oder beeinträchtigt. Nur, um zu sehen, ob alles gut ist, ob du jetzt gehen kannst und ich schon klar komme. Das war ein verdammt gutes Gefühl.

Ich glaube übrigens nicht, dass wir Seelenverwandt sind. Weil ich keine Eso-Tussi mit unrasierten Achseln und Energiewellen-Meditationserfahrung bin. Wohl aber, dass wir etwas Besonderes haben. Weil man mit dir entweder etwas Besonderes hat – oder gar nichts. Für alles andere bist du nicht oberflächlich genug.

Pass auf dich auf, mein Freund. Wir werden dich vermissen.

#crewlove,
Dein Pitchu

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