Fotowand

Fotowand

Veröffentlicht: Montag, 22. September 2014

Es gibt einen Menschen, den ich jeden Morgen sehe, wenn ich mich nach Zigarette und E-Mails checken im Bett irgendwie in die Küche geschleppt habe, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Weil er da an der Wand hängt. Auf einem Bild von uns beiden, das irgendwann mal vor der Webcam entstand. Vor langer Zeit, gefühlt noch länger, gemessen an allem, was in den letzten Jahren passiert ist.

An der Wand in meiner Küche hängen viele Fotos. Alle zeigen Freunde aus meiner Heimat – sehr viele sehr hübsche Menschen, und wenn jemand den Schuh-Schock in meinem Flur überwunden hat, und zum ersten Mal in meine Küche kommt, dann bleibt er garantiert vor dieser Fotowand stehen. Und an ihr hängen. Zumeist an ganz bestimmten Menschen. Auch an ihm. Weil unser Foto ganz zentral hängt. In der Mitte dieser Wand.

Dennoch konnte man es drehen und wenden wie man wollte. Seit Weihnachten hatten wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Vielleicht, weil da diese räumliche Distanz ist, sicherlich auch, weil da noch eine weitere  war. Seit März war ich vor allem damit beschäftigt, in jeder freien Minute an meinem Buch zu sitzen, seit Sommer zusätzlich damit, an anderen Projekten zu drehen. Ich konnte es drehen und wenden wie ich es wollte: Ich hatte nicht wirklich gemerkt, dass es ihm nicht gut geht.

Mit mir befreundet zu sein, heißt manchmal auch, sich gegen mein großes Ego durchsetzen zu müssen, und meinen Drang, Dinge umsetzen zu müssen – so schnell wie möglich mit dem größtmöglichen Krafteinsatz. Aus der Distanz zumindest war es kaum mehr möglich, zu mir durchzudringen – vorbei an meinem Ego und meinem Alter ego, das auf diesem Blog jeden Tag zusätzliche Zeit einfordert.

Vielleicht, wusste ich nicht, dass es ihm nicht gut geht, weil er nichts gesagt hat – sicherlich aber, weil ich nicht gefragt habe. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zur Konfrontation kommen würde. Denn wenn es ans Eingemachte geht, ist er noch immer einer der Ersten, zu denen ich gehe. Weil es wenige da draußen gibt, die mich so gut kennen wie er.

In den letzten beiden Monaten ging es ums Eingemachte. Auch bei ihm. Und als wir nach Wochen wieder miteinander kommunizierten, kapierten wir wohl beide, wie sehr wie uns voneinander entfernt hatten. Das Gespräch endetet in Vorwürfen – so lange, bis ich ihn aus meiner Facebook-Freundesliste geschmissen habe. Was heutzutage ungefähr die gleiche Anmutung hat, wie damals jemanden nicht zu seinem Kindergeburtstag einzuladen.

Es kostete mich wirklich Mut, ihn anzuschreiben, als ich ihn ein paar Tage später zufällig auf einer Dating-App entdeckte. „Du bist in Hamburg?“ Zwei Tage später saßen wir zusammen in einer Bar und haben über ihn geredet, dann über uns.

Er sagte, dass er sich seit Jahren wie ein Freund aus zweiter Reihe fühle. Nicht wie einer der Schönen, mit denen ich damals auf Partybildern aus Clubs in Online-Magazinen zu sehen war, mit denen ich heute auf Facebook posiere, zu denen ich irgendwelche Dating-Geschichten erzählen kann. Das ist natürlich völliger Blödsinn.

Da kam mir unser erstes „Date“ in den Sinn. Damals. Es war in seiner Küche. Ich stand da mit meiner „Was willst du eigentlich von mir?“-Attitüde und habe eine Zigarette geraucht. Aber alle Arroganz hat ihn nicht davon abgehalten, sich wieder zu melden. Und wenn ich heute zurückschaue, hat mir dieser Umstand gelegentlich die Haut gerettet, wenn es Unangenehmes zu vermelden gab.

Ja, mit mir befreundet zu sein bedeutet manchmal, sich gegen ein ziemlich großes Ego durchzusetzen und mir dann zu sagen, dass ich mal kurz die Fresse halten soll. Gelegentlich auch, mir einfach mein iPhone aus der Hand zu nehmen und sich einfach selbst wieder zu meiner Facebook-Freundesliste hinzuzufügen. Ich war sehr froh, dass er die selbst geschickte Anfrage auch annahm.

Heute Morgen stand ich in der Küche, trank einen Kaffee und schaute auf das Bild von ihm und mir. Es gibt schon einen guten Grund, warum es genau dort hängt, am zentralsten Platz der Fotowand.

Vielleicht sollte ich ihm das öfter mal sagen. Definitiv werde ich zukünftig öfter mal fragen, wie es ihm geht. Weil er Recht hat: Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Und definitiv nicht die schlechteste…

Sorry, I was a bitch,

kurz-unterschrift11

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