Maryanto Fischer

Ficktion und Realität #01 – Irgendwas ist immer

Veröffentlicht: Dienstag, 24. Mai 2016

Auszug aus dem Manuskript, das gerade noch in einem großen Publikumsverlag diskutiert wird – nicht wegen seiner expliziten Sprache in den späteren Kapiteln. Vielmehr, weil die Geschichte über Großstadt-Dating zu desillusionierend sei, wie mir eine geschätzte Lektorin ans Herz legte. Mein Herz blutete.

Ich kam nicht umhin mich zu fragen: Wenn du ein euphorisches Buch über Online-Dating schreibst – fühlte sich der Leser nicht permanent auf den Arm genommen? Denn: Alle erzählten Teilgeschichten sind genauso passiert, zum Glück nicht alle mir, obwohl in der Ich-Form erzählt wird. Vielleicht wird der eine oder andere Anspielungen auf alte Blog-Texte finden. „Fiction und Realität“ – here we go:

Resterampe

Der Blick nach draußen geht gleich unter die Gürtellinie. Von der Mitte des am frühen Nachmittag schon halbdunklen Raumes schaue ich skeptisch durch das schmale, vergitterte Fenster auf die Straße. Eine gute Gegend, wie ich schnell schließe. An den Schuhen gemessen, die am einzigen kleinen Lichtblick dieser Souterrain-Wohnung vorbei spazieren: dem Schlafzimmer. Zumindest wenn du großen Wert darauf legst, dich in einem großzügigen Schlafzimmer zu betten. So wie ich.

Die Suche nach dem perfekten Apartment, das habe ich in den letzten Tagen schmerzlich erfahren, gleicht der nach dem perfekten Partner, egal ob es nur um eine schlaflose Nacht, oder die nächste reale Chance geht, endlich jeden Morgen neben dem gleichen Gesicht aufzuwachen: Irgendwas ist immer, und manchmal ist irgendetwas sogar richtig gut.

Gut, das Schlafzimmer ist mein Lebensmittelpunkt. Seit Jahren. Weil hier alles stattfindet, wonach mir nach einem anstrengenden Arbeitstag eben ist, wenn ich mich abends unglücklich mit einem Happy Meal von Mc Donald’s um die Ecke in der Hand und einer starken Zigarette im Mundwinkel über meine Schwelle schleppe. Sex, dann schlafen. Allein. Im Regelfall.

Derzeit dagegen bin ich selten allein. Ich lebe bei Menschen, die ich nur vage aus dem Internet kenne – und kann mich kaum noch erinnern, wie sich Sex anfühlt. Übertrieben gesagt, denn nach Feierabend fahre ich durch diese riesige Stadt und suche eine Wohnung, um später immer wieder völlig frustriert in irgendein Gästesofa zu fallen.

Bisher in vier Wohnungen in vier verschiedenen Stadtteilen, deren Bewohner eins miteinander teilen. Sie halte mich für vertrauenswürdig. Weil ich im Internet einen Blog führe, auf dem ich ihnen täglich und zumeist ehrlich von meinen Versuchen, die potenzielle Liebe, oder zumindest den perfekten Fick zu finden, berichte. Ich nenne das „Ficktion“.

Aktuell wäre ich froh, wenigstens über Oralverkehr schreiben zu können. Leider befürchte ich fast schon, vergessen zu haben, wie ein beeindruckender Blowjob ausgeführt wird. Dafür habe ich einen neuen Job, in einer anderen Stadt. Einer, in der ich ein unbeschriebenes Blatt bin, das ich gern mit den ersten Telefonnummern von potenziellen Abend- bis Lebensabschnittpartner füllen würde. Mit Geheimtinte am besten. Muss ja nicht jeder wissen, wo ich meinen Pinsel reingetunkt habe.

Ich atme tief durch und schreibe meinen Namen in großen Lettern auf das Formular für Interessenten. Mein Blick wandert noch einmal in das angeschlossene Wohnzimmer. Konzentriert versuche ich, mich nicht darauf zu konzentrieren, was ich sehe, sondern was ich sehen könnte. Nach einem Tapetenwechsel.

Ich atme tief durch. Hier könnte man es sich sicher gemütlichen machen. Zu zweit. Ja, Gesellschaft soll her. Spätestens bis zum erwarteten Herbsteinbruch in etwa zwei Monaten. Muss ja nicht gleich für die Ewigkeit sein. Aber zum Überwintern an Tagen, an denen es in diesem Loch definitiv niemals hell werden wird. „Hier, das Formular“, sage ich.

Dem Traum von der großen Liebe habe ich bereits mit Mitte 20 entsagt, vergangenen Mittwoch übrigens auch dem von der perfekten Wohnung. Sechs Wochen Couchsurfing haben mich mindestens so kompromissbereit gemacht wie etliche Jahre kompromissloses Dating. Was diese unterirdische Souterrain-Wohnung betrifft, habe ich mir bereits das alte Bad schön geredet, das in den 70er Jahren zuletzt gefliest wurde – ebenso wie die Küche ohne Abzugshaube. Zum Glück kann ich nicht kochen.

In mir kochen gerade auch ganz andere Leidenschaften. Langsam laufe ich zwischen den anderen Interessenten durch das große Schlafzimmer und versuche mir vorzustellen, wie prickelnd es sein könnte, an diesem Fenster Sex zu haben. Mit den Händen an den Gitterstäben und dem Blick auf die Straße. Mehr Gosse geht gar nicht. Irgendwie macht mich das geil.

Gilt weniger für die kleine, blonde Frau mit der schwarzen Lederjacke die die Heizung vor dem Fenster kritisch mustert. Eine Nachtspeicherheizung, wie ich im Exposé zur Wohnung lese, die ich, wie so vieles Fragwürdiges, im Internet gefunden habe. Die Bilder sahen traumhaft aus. Ich glaubte ihnen. Während ich die Fotos auf der Immobilienseite mit dem halbdunklen Loch vergleiche, wird es neben mir noch ungemütlicher.

„Dahinter ist ja Schimmel“, höre ich die Blondine angeekelt rufen. Ich sage ja: Mit potenziellen Wohnungen ist es wie mit potenziellen Partnern. Die guten sind gerade vergriffen, und die freien durchweg beschissen. Doch während auf dem Wohnungsmarkt angeblich Notstand herrscht, sollte es laut Statistik doch genug Singles geben – gerade in Großstädten. Menschen mit Notstand – die sich vielleicht sogar binden würden, weil du mit doppeltem Gehalt in jeder Stadt an die besseren Immobilien kommst.

Statt mich in diesem Moment weiter in diese Frage zu vertiefen, lasse ich meinen Blick sinken und starre wie alle anderen Interessenten, die dem hitzigen Ruf der blonden Frau zum Heizkörper am Fenster gefolgt sind, auf den Schimmelteppich, von dem nichts in der Beschreibung stand. Wahrscheinlich, weil es ihn umsonst gibt. Wie alle nebulösen Nebenerscheinungen von Internetwaren.

„Wahr“, sagt ein junger Mann nach fachmännischer Begutachtung der Wand. „Aber den kann man doch leicht wegkratzen.“ Was? Ich traue Dingen, die ich im Internet gefunden habe, inzwischen selten. Jetzt traue ich nicht mal mehr meinen eigenen Ohren. Der Frust der letzten Wochen entlädt sich ausnahmsweise über der Gürtellinie – im wahrsten Satz, den ich seit meiner Ankunft in dieser Stadt zu einem Makler gesagt habe: „Das ist ja schlimmer als Resteficken morgens um vier!“

Es ist Zeit für einen Abzug. Ich gehe – mit einem verächtlichen Blick in die Küche und das dunkle Wohnzimmer durch den Flur Richtung Ausgang, die Treppe hoch zurück ins Licht. Es ist Samstagnachmittag, halb drei, bis zur nächsten Wohnungsbesichtigung also noch eine Stunde. Eine Stunde, die ich entweder nutzen könnte, mir über eine Dating-App irgendwas Frustvögeln zu suchen, oder mir per Google-Maps einfach den nächsten Starbucks anzeigen zu lassen.

Ich entscheide mich gegen eine billige Nummer und für überteuerten Kaffee, dann folge ich dem blauen Pfeil auf meinem iPhone mit stolzem Gang am Schlafzimmerfenster vorbei Richtung Süden, als ich hinter mir erst stampfende Schritte und dann ein lautes Rufen höre: „Warte mal!“ Zehn Minuten später sitzen wir mit einer Latte To-go in der Sonne. Isabelle, die blonde Frau von der Wohnungsbesichtigung, und ich.

Symptomatisch

Ein Jahr ist inzwischen vergangen. Immerhin war der Samstagsausflug nichts umsonst, so sehe ich das heute. Seit dem Desaster in der Souterrainwohnung sehe ich Isa regelmäßig. Soll mal jemand sagen, dass man beim Resteficken keine Freunde finden kann. Derzeit ficke ich wieder richtig, leider nicht den Richtigen. Beziehungsweise: Ich werde gefickt. Vom Leben, oder einer unglücklichen Liebe. Genauer gesagt von Kevin. Beziehungsweise Finn. Kevin nennt er sich nur im Internet. Das habe ich allerdings erst kürzlich, drei Monate nach unserem ersten Date herausgefunden. Etwa zehn Wochen nachdem ich ihm gebeichtet hatte, dass Basti lediglich mein alter Ego ist. Tragisch.

Meinen Namen sage ich Männern frühestens nach dem dritten Date, was für Online-Verhältnisse fast schon einer Verlobung gleicht. Denn er ist nicht nur bei Facebook fatal schnell auffindbar. Allein mit meinem Vornamen bekommst du bei Google meinen kompletten Lebenslauf.

Das ist ebenfalls fatal, wenn du Online-Dating nicht nur nutzt, um die große Liebe zu finden, sondern auf dem Weg dorthin ebenfalls, um diese Art Sex zu bekommen, die besser nicht an deinen Namen gekoppelt ist. Finn sieht das übrigens genauso. Tatsächlich eine der wenigen Wahrheiten, die wir miteinander teilen. Er und ich.

Ach ja, ich bin Basti, oder Sebastian. Beziehungsweise nenne ich mich so. Im Internet, wo ich drei Zentimeter größer bin, seit sechs Jahren 28 und es deshalb völlig legitim finde, Fotos von mir zu verbreiten, die meinen Bauch zeigen als ich wirklich 28 war. Damals hatte ich tatsächlich noch einen Waschbrettbauch, in diesem Moment zumindest kein Brett mehr vor dem Kopf.

„Ist es nicht faszinierend, was wir alles glauben, um irgendwo zu schlafen, neben irgendwem oder mit irgendjemandem?“, frische ich Isas Erinnerungen an die Souterrain-Wohnung mit Schimmelbefall und meine an viel verfehltes Online-Dating bei einem Drink in unserer Lieblingsbar auf. „Unglaublich“, sagt sie kopfschüttelnd als ihr Handy vibriert. „Von Julian“, bemerke ich mit einem Blick auf die Theke schmunzelnd.

Inzwischen ist Isa von einer WG in ihre Traumwohnung gezogen, die sie im April auf ImmoScout gefunden hat. Julian übrigens auf FriendScout24 – oder war es Elitepartner? Egal, keine 24 Stunden nach ihrem ersten Treffen schickte er Isa Blumen ins Büro. Seither bettet er sie auf Rosen. Doch das reicht ihr nicht. „Alles unverbindlich“, lässt sie mich wissen, „nächste Woche treffe ich einen Kickboxer.“

Was mich betrifft: Das mit der Wohnung klappte erst zwei Monate nach unserer ersten Begegnung. Tatsächlich war das erste, was ich ihn Hamburg bekam, ein Tripper.

Okay. Die einen bringen Blumen von Online-Dates mit, zumindest manchmal, die anderen später die Direktüberweisung in die ambulante Abtreibungsklinik – ich also eine Geschlechtskrankheit. „Halleluja“, dachte ich, während der Urologe mir das lange Wattestäbchen in meine Intimzone schob. „Das war wohl die Arschkarte“.

Nachdenklich verließ ich damals die Praxis. Nach diesem Besuch kannte ich meinen Urologen bereits besser als jeden durchschnittlichen Date-Partner. Schließlich haben wir uns ganze drei Mal gesehen. Und ich kenne seinen Namen. „Alles in Ordnung“, fasste mir Dr. Gabriel Westermann den Laborbefund bei diesem letzten Besuch zusammen. Zumindest hoffe ich, dass es der letzte ist. Für lange Zeit. So ist das eben online: Meistens kriegt man weniger als erwartet, manchmal massig mehr. Das hat sich in vielen Fällen bewiesen.

Nach der Tripper-Therapie war mir die Lust auf Laster vorerst vergangen. Dabei gehört das Online-Dating zur Standardbeschäftigung meiner Generation seit es das Internet für jedermann günstig gibt. Sagen wir mal, seit dem Jahr 2000 – als Surfen wirklich billig wurde, und wir sowieso.

Seither ließen wir uns potenzielle Partner per Mausklick in unsere Apartments kommen wie die Spießer nebenan ihr kalorienarmes Sushi. Wir waren nie auf Diät… und serviert wurde meistens heiß. Warum auch nicht? In den Nuller-Jahren wurde sowieso alles oberflächlich gecastet – und wenig war auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Popstars, Supertalente, Topmodels und eben auch Abendabschnittspartner.

Mal ehrlich: Wir haben Dates konsumiert wie Fast Food. Ohne anschließende Kommunenbildung und ohne Anspruch auf Rebellion gegen das Establishment. Wer zweimal mit dem Selben pennte, hatte einfach noch kein DSL.

Geschlechtskrankheiten sind so symptomatisch für Großstadt-Dating wie die DSL-Flatrate. Heute habe ich außerdem LTE, eine mobile Internet-Flatrate – und massig Dating-Apps für alle Sparten und Eventualitäten des Zwischenmenschlichen. Manchmal nutze ich mein iPhone trotzdem noch zum Telefonieren. Nur ungern, bevor Finn zu mir kommt.

Fi(c)ktion und Realität

Dienstage sind schlimmer als Montage. Weil du zumindest nicht standardmäßig davon ausgehst, dass sie scheiße werden. Ich habe einen ätzenden Arbeitstag hinter mir – und trotzdem gute Laune.

Kurz vor halb acht stehe komplett gestylt an meinem Schlafzimmerfenster und warte auf Finn, der gleich in meine Wohnung eindringen und mich überwältigen wird, während ich schlafe. Zumindest soll ich so tun. Das ist der Plan, für den es sogar ein Skript gibt. Wie für alle Geschichten, die wir seit acht Monaten miteinander erleben. Heute kommt er direkt vom Fußballtraining. Zumindest sagt er das.

Ich habe aufgehört, den Wahrheitsgehalt von Dingen zu prüfen, die mir Männer aus dem Internet weismachen wollen, allein um meine Fantasien zu verteidigen. Gegen die Realität. Der beste Sex findet doch im Kopf statt. Was ich sicher weiß, ist, dass Finn gegen Acht bei mir sein will. In 32 Minuten.

Auch das Erfüllen von Fantasien ist ein Grund, warum sich so viele Menschen auf Dating-Plattformen tummeln. Weil die Anonymität des Internets den großen Vorteil kennt, dass du dem virtuellen Gegenüber sehr individuell und gleichfalls schamlos sagen kannst, was du willst. Auf die Standardfrage: „Was suchst du?“

Die Antworten bewegen sich oft zwischen bemitleidenswert und bizarr, wobei der eine oder andere das Leiden bewusst sucht. Allein letzte Woche wurde ich online dreimal gefragt, ob ich nicht einen Nacktputzer bräuchte, ein Typ bot sich mir außerdem als lebendige Toilette an und wieder ein anderer wollte mir 50 Euro zahlen, wenn ich seine Spielzeugeisenbahn im Wohnzimmer kaputt werfe.

Es wäre nicht fair, den ersten Stein zu werfen. Ich selbst kann meine Vorlieben selbst im Halbschlaf runter rattern wie aus dem Maschinengewehr. Extrem emotionslos. Weil ich sie bereits unendlich viele Male in irgendeine Tastatur gehämmert habe. Nach der Holzhammermethode: Friss, oder klick weiter!

* Ende Teil 1 *

kurz-unterschrift11

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!