Maryanto Fischer

Fataler Fehler: Wenn du ein anderer wirst, um anderen zu gefallen

Veröffentlicht: Mittwoch, 28. September 2016

Wir standen noch eine Weile auf dem Balkon, rauchten eine Zigarette und starrten über das Geländer. „Danke“, sagte ich, und klopfte Milow leicht auf die Schulter. „Danke, dass du mich überredet hast, ihn stehen zu lassen.“ Wieder ließ ich mich dazu hinreißen, mir selbst den Bart zu kraulen. Denn im Grunde war dieses „Danke!“ mehr als ein Bauchpinseln. In Wahrheit hatte die bloße Existenz des Bartes für mich eine fast schon existenzielle Bedeutung.

Ich habe eigentlich immer gern Dreitagebart getragen, gerade zu der Zeit, da ich nach Hamburg zog. Doch noch mehr als zu meiner eigenen Eitelkeit fühlte ich mich, frisch an der Elbe angekommen, zu ihm hingezogen. Ich wusste anfangs nicht viel über ihn, aber das ganz schnell: Er zog mich nur mit seinen Blicken aus, wenn ich keinen Bart trug. „Denk dran, dich zu rasieren“, schrieb er mir jedes Mal bevor wir uns trafen. „Jaja, antwortete ich stets, „denk du dran, noch ‘ne Stunde pumpen zu gehen.“

So gingen mehr und mehr Monate ins Land, in denen ich immer zielsicherer wurde, bei ihm zu punkten. Mit dem richtigen Outfit, dem richtigen Essen, den richtigen Gesprächsthemen. Bloß nichts tun, sagen, oder tragen, was er nicht mag, kein Hemd, schon gar keinen Bart. Ich ließ mich gern beschneiden, und stutzte meine Stoppeln ebenso zusammen wie mein komplettes Leben.

Das ist mir allerdings erst aufgefallen, als wir uns längst nicht mehr trafen. Als ich wieder begann, mir meine Welt zurückzuerobern, und überall auf Dinge traf, die mich mal ausgemacht haben – bevor ihm zu gefallen mein erstes Ziel im Leben wurde.

Im Zug nach Frankfurt wurde mir letzte Woche bewusst, wie selten ich die Heimat in den letzten Jahren gesehen hatte. Weil ich meine Wochenenden immer so plante, dass wir uns sehen konnten, geplant oder spontan, in einer immerwährender Verfügbarkeit, in der Warten meine Welt bestimmte, und seine Wahrnehmung von mir mein Wesen.

Wahrscheinlich durchlaufen wir in Beziehungen wie Nicht-Beziehungen immer eine Art von Metamorphose. Denn der angepeilte Zustand romantischer Symbiose ist immer ein Kompromiss. Ein Sich-Beschneiden um des Zusammenwachsen willens. Als ich ihm nicht mehr gefallen musste, wollte ich das nicht mehr.

Ich fing wieder an, schlanke Sneakers und Hemden zu tragen, auf den sozialen Netzwerken meine Bewunderung für Britney Spears zu erklären, und dreimal wöchentlich „Bridget Jones“ zu schauen. Weil es an der Zeit war, aus dem Nicht-Wir wieder ein klares „Ja!“ zu mir selbst zu machen. „Du wirst lachen“, erklärte ich Milow, aber du hast mir wirklich einen großen Gefallen getan mit deinem Styling-Tipp.

Ich tippe, ihr wisst alle, what to give up, when you give in. Ich weiß heute, dass es ein Fehler war, mich komplett zu beschneiden, um ihm zu gefallen. Denn im Grunde sind wir nie besser, überzeugender und attraktiver als in jenen Momenten, in denen wir das Beste geben, was wir haben: uns selbst. Daran erinnert mich dieser Bart. Jeden Tag, Milow.

Give in to the feeling,

kurz-unterschrift11

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