Crewlove 2

Familien und Ersatzfamilien

Veröffentlicht: Sonntag, 22. November 2015

Zwei Wochen in der Heimat, das war in diesem Fall nicht nur viel Arbeit, sondern so viel Freunde und Familie wie nur irgendwie möglich. Weil wir meistens erst aus der Entfernung merken, wie nahe uns Dinge stehen, die wir immer für selbstverständlich halten. Oder Menschen an unserer Seite. Seit Monaten hatte sich mein Heimweh immer deutlicher manifestiert. Dann habe ich kapiert, dass es eben nicht reicht, soziale Kontakte allein über soziale Medien zu pflegen.

„Fährst du gar nicht weg, also wirklich?“, fragte mich meine Chefin am letzten Arbeitstag vor dem ersten Urlaub in diesem Jahr. Immerhin zwei Wochen. Genug Zeit, um sich in der Karibik umzusehen, vor dem Empire State Building zu stehen oder den Jakobsweg runter zu gehen. Doch das war nicht mein Ziel. Viel mehr das zu tun, wofür ich mir in den letzten drei Jahren zu wenig Zeit genommen hatte. Meine Freunde und meine Familie.

Make it last forever, friendship never ends! Celebrating my birthday with my Frankfurt friends

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Dienstag, 10. November 2015

 

Zu wenig Zeit, obwohl ich weiß, dass es immer deine Freunde und deine Familie sind, die dich halten. Auf Linie. Im Leben. Ich kam in die Heimat, weil ich der Meinung war, dass ich meine scheinbar unüberwidnbare Unzufriedenheit nur hier abschütteln kann.

Und immer wenn du denkst, ein Abend kann nicht schöner werden, sitzt du plötzlich zwischen 2 der 5 tollsten Blondinen…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Freitag, 13. November 2015

 

Die Entschuldigung folgte bei einem Dönersteller in der Frankfurter Innenstadt. „Ich weiß, ich habe mich viel zu selten gemeldet. Das tut mir leid. Der Stress, du weißt ja.“ So bekam ich zur kalten Cola ein warmes Lächeln zurück. „Ja, ich weiß doch. Und ich weiß auch, was du geschafft hast, seit du weggegangen bist. Ja, ja, Alles in Ordnung.“

Damit war die alte Ordnung wieder hergestellt. Daran musste ich denken, als ich den Zug Richtung Hamburg stieg, das ich heute mein Zuhause nenne. Weil sie auch dort sitzen. Die Menschen, für die ich alle anderen stehen und liegen lassen würde. Im Regelfall. Vielleicht habe ich das zuletzt nicht mehr wirklich gezeigt. Weil ich zu sehr damit beschäftigt war, die Trümmer meiner kleinen, eigenen Welt wegzuräumen, die irgendwann im Sommer zusammengefallen war.

Wahrscheinlich war auch diese Entschuldigung längst überfällig. Weil ich weiß, wie verbissen ich sein kein, wie egoistisch und ungerecht. Vor allem stur. Immer, wenn ich irgendwas erledigen muss, dem ich viel Gewicht gebe. Zum Beispiel der Ordnung in meiner eigenen, kleinen Welt. Ein ständiger Optimierungsprozess, der mir manchmal wenige Optionen lässt, außer meine ganz eigene Linie zu fahren. Vielleicht zu oft ohne Verlustängste.

Ich habe mir von Teilen meiner Ersatzfamilie kürzlich sagen lassen, dass ich ein Arschloch sei. Und ich habe nicht widersprochen. Ganz bewusst nicht. Weil ich weiß, wie ich sein kann. Daran habe ich auf der Fahrt nach Hause gedacht und sehr intensiv darüber nachgedacht.

Crewlove

Zwei Wochen in der Heimat waren genug, um Zuhause zu vermissen. Denn Heimweh funktioniert immer von beiden Seiten. Und als wir uns endlich alle wiedersahen, sah ich ein, dass du Familien und Ersatzfamilien, alte und neue Freunde, gar nicht gegeneinander aufwiegen kannst – und nicht musst.

Denn wenn du wirklich das Glück hast, unter Menschen zu sein, die dich gut genug kennen, um zu verstehen, wie du tickst und warum du austickst, dann kannst du unterschwellige Meinungsverschiedenheiten manchmal mit einem einzigen augenzwinkernden Satz zunichte machen. Zum Beispiel: „Du lebst ja noch.“ Weil du weißt, dass das grinsende „Ja, klar“ im Grunde „Jaja, alles in Ordnung“ meint.

So endete der Urlaub in der hessischen Heimat zuhause in Hamburg mit der Ersatzfamilie. Ich bin sehr glücklich, beides zu haben. Eine Heimat und ein Zuhause, die sich beide über die Menschen definieren, die du auf dem Weg manchmal verlierst, die dir aber immer alle Chancen geben, sie wieder zu versammeln.

Weil alle Familien einfach so funktionieren: Manchmal brauchst du etwas Abstand, um zu merken, was du wirklich an ihnen hast. Ich habe heute ein hessisches und ein Hamburger Herz. Und beide schlagen für diese Menschen. Hier und dort.

Keep it together in the family, they’re reminder of your history!

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