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Ersatzfamilie

Veröffentlicht: Sonntag, 19. April 2015

Die Leute sagen, dass Blut dicker als Wasser sei. Ich bezweifele das. Ich habe es immer bezweifelt. Blut ist dick. Doch die Bunde, die wir für die Ewigkeit zu schließen nie bereit waren, weil sie einfach passiert sind, können genauso dicht sein. Nicht umsonst sprechen wir von dicken Freunden. Manchmal sogar von Blutsbrüdern.

Es hat sicherlich viel mit den Ereignissen der letzten drei Jahre zu tun, der guten wie der schlechten, dass ich begann, meine Freunde mehr und mehr als meine Familie wahrzunehmen. Wenn einer mich wie ein Vater in den Arm nahm, um mir so etwas zu sagen wie „Wird schon wieder“. Wenn ein anderer mir mütterlich einen Teller Suppe und eine Tasse Tee mit den Worten, „Danach geht’s dir schon viel besser“, ans Bett brachte. Wenn der nächste mich zu irgendwelchen Dummheiten überredete wie mein Bruder früher, oder bei Liebeskummer ein tröstendes Wort hatte, wie meine Schwester. Sowas wie: „Guck dich mal um. Du bist gar nicht allein!”

Tatsächlich sind meine Freunde Brüder und Schwestern gleichzeitig, manchmal mahnende Väter, manchmal fürsorgliche Mütter. Oder einfach die verrückte Tante, die dich abholt und auf irgendeinen absurden Ausflug mitnimmt. Als wir heute fast vollständig beim Frühstück zusammen saßen, fragte ich mich, welche Rolle ich in diesem Gefüge eigentlich einnehme. In dieser bewusst gewählten Ersatzfamilie, die unbewusst eine klare Rollenverteilung entwickelt hat.

Da gibt es den vernünftigen großen Bruder und die freche kleine Schwester. Es gibt den Typ Hausfrau, der immer für alle Kuchen backt, und den Typ Karrieretyp, der ab und zu die Drinks für alle zahlt. Es gibt die jungen Wilden, denen keine Party hochprozentig genug sein kann, und die „Erwachsenen“, die schnell genug von allem haben und meistens damit beschäftigt sind, den Rest der Bande irgendwie runter zu bringen. Von ihren wahnwitzigen Vorstellungen. Da sind die soliden Typen und die, die zu jeder Familienfeier ein anderes Date mitbringen. Mitglieder, die zu solchen Gelegenheiten immer da sind, und jene, die sich gern rarmachen. Wie in einer richtigen Familie eben.

Welche Rolle nehme also ich ein? Ich glaube, eine sehr ambivalente. An manchen Tagen fühle ich mich das Familienoberhaupt, das die anderen zusammenhält, Streit schlichtet und den Teamgeist hochhält. An anderen bin ich wie das Nesthäkchen, das alle anderen ständig vor irgendetwas beschützen wollen, am meisten vor sich selbst: „Tu dies nicht, tu das nicht!“, „Ist das wirklich dein Ernst?“, „Iss gesünder, schlaf mehr und arbeite nicht so viel.“ Ihr wisst schon …

Ich habe das Frühstück heute als Erster verlassen. Als ich wenig später zuhause am Schreibtisch saß, fiel mein Blick auf die vielen Fotos meiner Ersatzfamilie an der Wand. Just in diesem Moment rief mein Vater an. „Was macht der Stress, Junge?“, fragte er besorgt. „Geht besser“, antwortete ich, „bald ist es ja geschafft.“ Ich habe meinen Vater den Kopf schütteln gehört. Das „Denk dran, nicht so viel zu arbeiten und mal früher schlafen zu gehen!“ konnte er sich natürlich nicht verkneifen. „Und iss mal mehr Obst und Gemüse!“

Ich schmunzelte. Habe ich mal erwähnt, dass mein Vater in den letzten Jahren so etwas geworden ist, wie einer meiner besten Freunde? Das ist einfach so passiert. So wie das Schwinden der Grenzen zwischen Blut und Wasser im großen Haifischbecken des Lebens. Denn wenn du erst gebissen wirst, ist am Ende egal, was genau dich trotzdem oben hält. „Ich weiß ja, dass du da oben gut aufgehoben bist“, beendete mein Vater das Gespräch als würde ich ihn noch einmal als kleiner Junge aus dem katholischen Zeltlager in der Rhön anrufen. Und ich wusste genau, was er meinte. Beziehungsweise wen. „Ach ja, grüß‘ mal Marc und Debby. Und den Rest unbekannterweise auch!“

Werde ich tun, Bro!

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