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Traummänner und Traumata: 1 Jahr Hamburg!

Veröffentlicht: Donnerstag, 4. Juli 2013

Mit 16 hat man noch Träume. Ich wollte heiraten, Popstar werden – und seit der Klassenfahrt zum „Phantom der Oper“ unbedingt nach Hamburg ziehen. Zu den großen Blonden an die Elbe. Das Studium, die Liebe und der Katholizismus hielten mich dennoch an Rhein und Main. Immer, wenn ich später am Hamburger Hauptbahnhof aus dem ICE stieg, dachte ich traurig an meinen Traum von damals – und kaufte zur Kompensation Schuhe auf der Mönckebergstraße. Im Express-Tempo.

Mönckebergstraße: Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch wenig Zeit für Shopping

Mönckebergstraße: Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch wenig Zeit für Shopping

Es ist schon komisch, wie erreichbar alles irgendwann wird“, habe ich meiner Kollegin letzte Woche in der U3 kurz vor Mönckebergstraße gesagt. „Mit 16 war die Mönckebergstraße für mich der Inbegriff meines Hamburg-Traums. 16 Jahre später steige ich hier jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit aus – und träume meistens noch von der warmen Bettdecke.“

Inzwischen hatte ich genau ein Jahr Zeit, um mich an den kalten Hamburger Wind zu gewöhnen: Am 4. Juli 2012 stieg ich mal wieder aus dem ICE Frankfurt-Hamburg – diesmal allerdings mit wenig Nerven zum Schuh-Shopping. Als ich meine Freunde abends auf einen Drink in der Schanze traf, wusste ich irgendwie, dass es gewinnbringend gewesen war, mich vor dem Vorstellungsgespräch in einem kleinen Kaffee mit großer Toilette an der Mönckebergstraße aufwendig umzustylen.

Mit-Sylvie-und-Daniela-von-Trendlovski-im-Hamburger-Schanzenviertel

Mit Sylvia und Daniela nach dem Vorstellungsgespräch. Wo ist Tobi hin?


Dann ging alles ganz schnell. Wenige Tage später war ich wieder in Hamburg. Mit zwei Koffern, 30 Wohnungsbesichtigungsterminen und einem Traum weniger.

Weil ich zwischenzeitlich wenig Zeit zum Bloggen fand, hier ein kleiner Bilder-Rückblick mit heiteren, bemerkenswerten und tragischen Geschichten. Denn auch mit 32 hat man noch Träume. Und eine klare Strategie, wie man erst einen Fuß reinkriegt und dann über die Schwelle getragen wird. Vielleicht!


Juli: Ab in den Süden!

Marcel Remus Christian Deerberg Luisa Hartema

München mit Marcel Remus, Christian Deerberg, Luisa Hartema und der Ernsting’s Family


Zwischen dem Vorstellungsgespräch in Hamburg und dem Umzug an die Elbe liegen weniger als drei Wochen. Genug Zeit für eine überraschende Abschiedsparty mit Tränen und das Beste aus dem Süden: Achterbahnfahren im Europapark und mit Models in München fettige Sachen essen. Zukünftig wird der Weg zum Weißwurstäquator weit sein.


August: Ab auf den Kiez!

Vanessa überlässt mir den Kiez und ihre Wohnung - samt Kaninchen.

Vanessa überlässt mir den Kiez und ihre Wohnung – samt Kaninchen

Ich bin in Hamburg – mit Job, ohne Wohnung. Zum Glück habe ich einen Blog. So schlafe ich bei anderen Bloggern. Die sind offensichtlich der Meinung, mir Schlüssel und paranoide Haustiere überlassen zu können, ohne dass ich ihr Wohnungsinventar auf den Flohmarkt bringe – oder ihre Tiere unter die Erde.

Die Wohnungssuche in Hamburg gleicht einer verzweifelten Single-Party. Selbst mit Alkohol kann ich mir weder Nachtspeicherheizungen noch schimmliges Souterrain schönreden. Also hüte ich weiter Tiere – oder bin einfach ein netter Mitbewohner. Ich wohne in Ohlsdorf, in der Neustadt und bei den komischen Kiez-Kaninchen auf St. Pauli, wo mir irgendwann die Klamotten ausgehen. Noch habe ich die Wohnung in Hessen – mit dem vollen Kleiderschrank. Danke Lutz, Sylvia und Vanessa für das Obdach. Und Lewke – für die Socken.


September: Ab in die Wohnung!

Neue Wohnung

Chaos. Zum Glück kenne ich bereits Hamburger, die handwerkern können


Hurra, ich habe eine Wohnung gefunden – und auf der Suche unter anderen Obdachlosen die ersten Freunde. Leider liegt die Wohnung an einer Hauptverkehrsstraße Richtung Berlin. Wer will schon nach Berlin? Ich erhöhe den Leidensdruck und weigere mich, Rollläden anzubringen. „Hamburg ist dein New York“, sagen mir die neuen Kollegen. Fangen wir also in der Bronx an. Everyone’s gotta make a living – and I’m still, I’m still Braddy from the Blog.


Oktober: Ab in die Nachbarwohnungen!

Neue Freunde

In Großstädten sind nette neue Nachbarn alles


Die nächsten Freunde torkeln mir auf einem Oktoberfest über den Weg. Die einzige Parallele zu den altbekannten im Süden: Bier. Leider mag ich kein Bier. Aber meine Nachbarn. Die besten lerne ich innerhalb kürzester Zeit kennen. Wenn ich mir mal nicht einbilden will, dass das Motorenrauschen vor dem Fenster in Wahrheit Meeresrauschen ist, gehe ich einfach rüber.


November: Ab an die Wurst!

Geburtstag

Geburtstag mit alten und neuen Freunden


Ich stehe mal wieder am ICE-Gleis Richtung Frankfurt. So ein Geburtstag ist eine tolle Gelegenheit, Freunde aus der Heimat einzuladen. Sie kommen in Scharen – mit wertvollem Gepäck: Muffins – und Rindswürsten. Denn Maultaschen und Rindswürste sind in Hamburg kaum zu kriegen. Alptraum! Ist übrigens auch meinem Nachbarn aus Baden-Württemberg aufgefallen.


Dezember: Ab an die Drinks!

Die Korken knallen für Milli und das neue Jahr. Schön, dass ihr da seid!

Die Korken knallen für Milli und das neue Jahr. Schön, dass ihr da seid!


Ich habe beschlossen, meine neue Heimat von allen Seiten kennen zu lernen. Und in allen Wetterlagen. Also entscheide ich mich gegen den Weihnachtsbesuch bei meinen Eltern und verbringe die Feiertage mit Bettina hier. An Heiligabend mache ich Lasagne. Wenn schon anders, dann richtig. Aufregend anders. Das neue Jahr beginne ich an der Binnenalster, wieder mit sehnsüchtig erwartetem Besuch aus dem Süden und ein paar Heimweh-Tränen in den Augen. Es fühlt sich umso besser an, zuhause noch nicht vergessen zu sein.


Januar: Ab nach Berlin!

Andere Hessen sind nach Berlin gezogen. Die Fashion Week ist fast so gut wie das Wiedersehen.

Andere Altbekannte sind nach Berlin gezogen. Die Fashion Week ist fast so gut wie das Wiedersehen mit Amelie.


Nach einer Woche Fashion Week weiß ich wieder, warum ich nach Hamburg gezogen bin. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind zuverlässiger und die Winter weniger hart. Ich überstehe die Woche mit zwei langen Unterhosen und bin froh, freitagabends wieder in Hamburg zu sein. Inzwischen fühle ich mich hier wirklich zuhause.


Februar: Ab nach Hause!

Skyline

Bevor es in die U-Bahn nach Eckenheim geht, geht noch ein Skyline-Foto


Ich habe mich nie mehr gefreut, die Frankfurter Skyline zu sehen. Und meine Freunde! Bevor ich in die U-Bahn zu den Eltern nach Eckenheim fahre, stelle ich mich vor den Hauptbahnhof und bestaune begeistert die Bankentürme. I’m back, baby!


März: Ab in den Himmel!

HSV

Mann trägt hier Trikot. HSV-Trikot. Natürlich…

Ich bin verliebt – in eine Flasche! Natürlich… Und natürlich ist es kompliziert. Dennoch ändere ich meinen Facebook-Beziehungsstatus nicht. Weil „Es ist kompliziert“ verzweifelt klingt. Das werde ich erst im Mai sein. Ab dann beschert mir die dauerhafte Himmel-Hölle-Fahrt immerhin die lyrischsten, tiefgründigsten und besten Beiträge seit Beginn von Brads Blog. Dazu später. Es ist eben wie es ist: Nichts ist inspirierender als das Leben. Das Leben frustrierter Singles 30plus. Ich schwöre mir, nicht ohne den Ring des herrlichen Hanseaten nach Hause zurückzukehren. Niemals!


April: Ab zum Frisör!

Endlich hat ein Frisör verstanden was ich will

Geht doch…

Endlich habe einen Frisör gefunden, der’s drauf hat und muss auf der Mönckebergstraße nicht mehr herumlaufe wie ein Monchichi. Sorry, ich bin eitel!


Mai: Ab in die Hölle!

Park

Sonntags im Park


Ich will mich vom Liebesdrama ablenken und date andere Hanseaten. Diese Stadt muss doch mehr herrliche Herren beheimaten als den einen. Vielleicht. Eine unverhoffte Begegnung im Park öffnet mir die Augen. Über meine Liebe. Über Nacht beschließe ich, die Blog-Pause zu beenden. Schreiben ist schließlich mehr als ein Job. Schreiben ist Liebe – und die beste Therapie gegen das alte neue Trauma.


Juni: Ab zurück ins Leben!

Kinderbuch

Das nächste Mal lese ich Astrid Lindgren vor…


Statt meine Freizeit weiter heulend im Bett oder wütend am Blog zu verbringen, beschließe ich, fortan jeden freien Tag zu einem Sonntag zu machen. Ich suche mir eine Beschäftigung als Ersatz-Großer-Bruder und lese sechsjährigen sexy Gute-Nacht-Geschichten vor. Ich gehe Minigolf spielen und entdecke Beach-Clubs und Aperol Spritz wieder. Verliebt bin ich immer noch. Deshalb befindet sich in meinem Kühlschrank weiterhin Bier. Für die Flasche.


Juli: Ab an den Schreibtisch!

Neue Freunde alte Freunde Drinks

Neue Freunde, alte Freunde, ein Jahr Hamburg. Darauf: Drinks!


Genau ein Jahr nach Vorstellungsgespräch und Blitzumzug sitze ich am Schreibtisch und lasse die letzten zwölf Monate Revue passieren. Und ich sehe, dass es gut war. Denn das lehrten mich die letzten zwölf Monate: Wer fest an seinen Traum glaubt und bereit ist, sich für ihn den Arsch aufzureißen, der wird ihn auch leben. Jeden Morgen in der U3 zur Mönckebergstraße oder anderso. Überall! Ich kann immer noch Popstar werden, ich werde den herrlichen Hanseaten heiraten – und sollte es weitere 16 Jahre dauern!

Auf diesem Weg vielen Dank an die neuen Freunde und Kollegen in Hamburg, die mir meinen Traum mit viel schöneren Farben bemalten, als ich ihn mir mit 16 nach der Klassenfahrt am katholischen Gymnasium ausgemalt hatte. Genauso großen Dank an die alten Freunde in Hessen, die mich offensichtlich nicht vergessen – und dafür immer einen Schlafplatz im herrlichen Hamburg haben. Vorerst noch an der Hauptverkehrsstraße – aber wir geben die Hoffnung ja nicht auf. Niemals!

Es gibt immer Gründe zu kommen. Und zu bleiben. Zum Beispiel den einen. Und noch ein paar andere. Ehrlich!

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From Hamburg with love,

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Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

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