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Echt sein

Veröffentlicht: Sonntag, 3. Mai 2015

Als Teenager fragten wir uns immer, wie wir bei anderen ankommen, wie wir auf sie wirken, was sie über uns denken. Ich denke, dass wir unsere Zeit nie sinnloser verschwendeten. Oder noch verschwenden.

Ein verunsicherter Blick fiel Richtung Boden. Vorbei an langen, braunen Haaren und endlos langen, schlanken Beinen. Meine Augen dagegen streifte er nicht. „Ich weiß nicht“, beantwortete sie schließlich meine Frage, was sie einmal werden möchte. Nach dem Studium. Irgendwann ab Herbst. Ich versuchte, die Situation mit einem Lächeln zu retten. „Dann wird es aber Zeit!“

Zweifellos war mir in letzter Zeit aufgefallen, dass sie nachdenklicher wurde. Schleichend. Dass sich ab diesem Moment aus einer simplen Small-Talk-Frage schließlich ein Grundsatzgespräch entwickelte, überrasche mich dennoch. Plötzlich sah sie mich fast schuldvoll an. „Ich bin noch nicht so sicher, wo die Gesellschaft mich sieht und haben will“, fuhr sie leise fort. „Wo siehst du mich denn?“

Ich überlegte und setzte ihrer falschen Antwort eine richtige entgegen. „Ich glaube nicht, dass es ein Rolle spielt, wo ich dich sehe, oder irgendjemand anderes“, sagte ich. „Siehst du dich denn gar nicht?“ Ihr schönes Gesicht senkte sich wieder Richtung Boden. „Nein.“

Natürlich wies ich sie im Verlauf des Nachmittags manchmal mehr, manchmal weniger direkt darauf hin, wie attraktiv sie sei, wie charmant, wie intelligent. Dass gerade sie es nicht nötig habe, auf das Urteil der anderen zu warten.

Doch mit der Meinung der anderen, meine eingeschlossen, verhält es sich im Guten wie im Schlechten doch immer gleich: entweder du fühlst und füllst sie, oder nicht. Wie die Hose, die dir deine Freunde im Laden mit der Bemerkung, sie stehe dir fantastisch, andrehen wollen. Du wirst sie nur kaufen, wenn das Urteil der anderen mit deinem eigenen übereinstimmt. Beim Blick in den Spiegel. Denn du musst sie da draußen verkaufen. Dazu braucht es vor allem eine eigene Meinung.

Als wir Teenager waren, neigten wir dazu, die Meinung der anderen viel zu schnell anzunehmen. Das Bild, das sie von uns haben, ungefiltert im Spiegel zu sehen. An diesem Tag habe ich mir gewünscht, sie wäre einfach wieder ein Teenager und würde sich durch meinen Filter wahrnehmen. Zwischen all den Unsicherheiten und Unklarheiten einfach eine echt tolle Frau. „Trau dich doch einfach, zu machen, was du willst. Ich glaube, es gibt kein besseres Erfolgsrezept als echt zu sein. Verkauf dich nicht als jemand anderes – schon gar nicht, weil das irgendjemand zu erwarten meint. Schlimmer: Weil du meinst, dass das so ist oder sein muss.“

Die letzten Tage hat mich dieses Gespräch immer wieder beschäftigt. Vielleicht, weil ich zuletzt gelegentlich überlegt habe, wie ich mich am besten verkaufe. Auf Partys, bei meinem Dauer-Date, letztendlich auch bei allen Werbemaßnamen für mein Buch. Muss ich mich konsequent als Stimmungskanone aufspielen, als Obermacker oder als Intellektueller?

Ich glaube nicht. Weil das Überbetonen einer Facette nicht echt wäre. Weil es nicht gewinnbringend wäre. Weil die Leute merken, wenn etwas nicht echt, sondern nur aufgesetzt ist. Ich habe mich vor langer Zeit davon verabschiedet, ständig irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen, oder irgendetwas zu verkaufen, was nicht ich bin. Und ich glaube, wer mich kennt, weiß, dass mir meine Zeit zu teuer, meine Energie zu wertvoll, und mein gutes Lebensgefühl zu wichtig ist, um mich zu verkaufen wie ein AirMax-Plagiat: billig, wertlos, vor allem profillos. Dann lieber das Risiko maximieren, durch ein Raster zu fallen – und dann stolz den eigenen Weg zu gehen – ohne umzufallen.

Ich hoffe, sie wird das auch irgendwann über sich lernen, dachte ich, während sie kerzengerade auf riesigen Absätzen, und dennoch geknickt, davon stöckelte. Und dann: Wow, was für eine Frau. Schade eigentlich, dass sie das selbst nicht sieht. Oder sich. Im Regelfall würde ich sagen: Bevor du dich verstellen musst, stell die Weichen lieber in eine andere Richtung. In diesem Fall aber: Fang endlich an zu fahren!

Als Teenager fragten wir uns immer, wie wir bei anderen ankommen, wie wir auf sie wirken, was sie über uns denken. Manchmal mache ich das noch heute. Abgleich schadet ja nicht. Immer nur abzuwarten, wie und wo uns die anderen gern hätten, dagegen schon. Ohne Wenn und Aber …

Be real,

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