Maryanto Fischer Hamburg 6

Zeichen der Zukunft

Veröffentlicht: Sonntag, 5. Oktober 2014

Manchmal spüren wir es in jedem erleichterten Atemzug. Im frischen Wind, der die Wellen über die Elbe treibt. Im goldenen Schimmer, den die Abendsonne über die Alster legt: Die Zukunft ist angekommen – und wir stehen mittendrin. Wie gestern. Drauf und dran, nach ihr zu greifen, sie zu ergreifen und ihr Versprechen auf Freude.

Denn wenn wir von Zukunft sprechen, dann meist von einer besseren. Von einer, die uns mitnimmt zu all dem, was wir immer sein wollten. In die wir abtauchen wie in den Traum, dem wir immer hinterherliefen. Bis wir ihn eingeholt haben. Genau dann macht das Leben einen Moment Halt. Denn wenn aus alt neu wird, werden wir uns wieder über jede Faser unseres Seins bewusst, die wir abstreifen. Wenn wir die Zukunft zum ersten Mal streifen, spüren wir Verwandlung. Veränderung, die wir genießen, während wir zusehen, wie die Schiffe durch die Abendsonne über die Alster gleiten. Irgendetwas entgegen.

 

Wir liefen noch eine Weile am Wasser entlang und freuten uns an den Dingen, die wir sahen – auf der Alster, am Horizont, wo langsam die Sonne unterging, und auf die Zukunft. Auf seine, auf meine und auf unsere. Und als wir am Ende angekommen waren, wussten wir, dass es Zeit wird, zu gehen. Und ich begann zu verstehen, warum ich wirklich gekommen war.

Denn das hatte ich fast vergessen. Wir beide hatten das. Ab dem Punkt, an dem es nicht mehr darum ging, durchzustarten, sondern nur noch darum, durchzukommen, durchzuhalten. Bis wir hinter den großen Erwartungen zurückblieben: unseren eigenen.

Es gehört zu den Eigenheiten der Zukunft, dass sie uns nie überrascht. Sie kündigt sich an. Zuerst in leichtem Aufatmen, in einer leichten Brise, in einem Lichtpunkt, der irgendwann wieder den goldenen Schimmer über unsere Welt legt, wie wir ihn an Herbstabenden auf der Alster sehen. Zum ersten Mal seit Monaten sah ich wieder ein wenig vom Glanz in seinen Augen. Das Glänzen, das mich mitgenommen hatte. Damals als wir uns gegenüberstanden und plötzlich küssten.

Als wir uns zum Abschied umarmten, umarmten wir in Wahrheit die Zukunft, die er immer in mir gesehen hatte – und ich in ihm. Weil wir beide wussten, dass die Weichen gestellt waren. Oder die Segel gehisst. Wie der Wind die Schiffe auf der Alster hatten wir uns gegenseitig nach vorn getrieben. Immer wieder. Mit Worten. Nicht mehr, nicht weniger. Er hatte mir nie den Wind aus den Segeln genommen. Er hatte mich angeschoben, immer dann, wenn ich nicht mehr konnte. Und er hatte mir die Zeichen gezeigt, die nach vorn deuteten.

Jetzt war es an der Zeit, die Zeichen der Zukunft beim Wort zu nehmen. Diese Zeichen, die meistens nur jene sehen, die sich trauen, der Zukunft mutig ins Gesicht zu sehen. Und wenn sie verstehen, dass sie nur eine Zukunft haben, wenn sie es wagen, sie in aller Konsequenz annehmen, und das Alte abzustreifen, dann sind sie bereits mittendrin. Im Wind, der sie nach oben bringt, in den Wellen, die sie nach vorne bringen – dorthin, wo sie hinwollten: in den goldenen Glanz wie wir ihn an Herbstabenden auf der Alster beobachten. Wir nickten uns zu.

„Gute Reise“, sagte ich. Guten Mutes, dass er irgendwann ankommen wird, wo ich bereits war. In der Zukunft, von der ich damals gesprochen hatte. Lange bevor mich die Vergangenheit einholte. Ich holte noch einmal tief Luft und ging weiter. Und ich wusste wieder, warum ich musste.

Wenn wir von einer Zukunft sprechen, dann meist von einer besseren. Deshalb dürfen wir nie vergessen, warum wir gekommen sind. Wie sollten wir sonst ankommen?

Breath,

kurz-unterschrift2

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!