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Liebe

Veröffentlicht: Donnerstag, 29. Oktober 2015

Wir können so viele Dinge lieben, wenn wir wollen. Das Leben, die Leute, sogar zu leiden. Leider entscheiden wir uns immer öfter dagegen. Je älter wir werden. Weil wir gelernt haben, dass Licht nicht ohne Schatten sein kann – und die Liebe nie ohne Liebeskummer. Vor allem, dass die ewig gültige Wahrheit über die Liebe ist, dass sie nicht für die Ewigkeit ist, nicht mal die Liebe zu einer Band aus unseren Teenie-Tagen. Als wir jede Woche schwer verliebt waren und die nächste wieder schwer enttäuscht. Widererwarten. Vielleicht gibt es diese eine, diese wahre Liebe wirklich nur im Fußballstadion.

In allen anderen Stadien unseres Lebens erscheint uns Liebe in ihrer lupenreinen Form, die sie uns so erstrebenswert erscheinen lässt wie Diamant, genauso flüchtig wie die Euphorie des Goldrauschs. Wir meinen immer, sie läge direkt vor unserer Nase, und trotzdem scheint sie unerreichbar. Und je älter wir werden, desto weniger sind wir bereit, im Ungewissen zu wühlen, um sie auszugraben. Aus unseren Herzen.

Weil wir uns zu oft für die Liebe durch den Dreck gewühlt haben; zu oft unsere Prinzipien überwunden und unser Selbstwertefühl untergraben haben. Weil wir irgendwann Dämme gebaut haben. Um zu verhindern, dass unsere Dämme wieder brechen. In Zeiten, wenn aus Sandburgen am Strand wieder nichts übrig bleibt als Matsch nach der Flut – und Ebbe in unseren Herzen.

Und so setzten wir uns in die höchsten Türme unserer Festungen wie Burgfräulein, blicken auf all die Dinge da unten, die wir lieben könnten, und dann lieber hoch zum Horizont. Weil wir hoffen, dass er von dort kommt, der weiße Ritter, der dann da unten steht und singt. Von der Liebe. Und dennoch würden wir uns lieber weiter einschließen als einzustimmen. Weil wir wissen, dass es stimmt: Nichts ist härter als der Sturz aus dem siebten Himmel, dass verliebt gleich verletzlich ist, verblendet und irgendwann verlassen.

Vielleicht ist es wirklich so. Dass Singles Mitte Dreißig diese Leichtigkeit der Liebe verloren haben, dass alles Schweben einer Schwermut gewichen ist, die sie am Boden hält. Manche nennen das bodenständig, andere ständig verbittert. Weil sie alles auf den Prüfstand stellen anstatt die Weichen. Weil sie die harten Fakten immer über die weichen Faktoren stellen, wenn sie erörtern, wo sie gerade stehen. Und am Ende meistens ihren eigenen Weg gehen.

„Sollte ich wieder runterkommen und aus Frust ein dämliches Fickdate machen“, schrieb er, „auch wenn ich mich danach wieder mies und leer fühlen werde?“ Noch bevor ich wach war, um antworten zu können, hatte er sich die Antwort selbst gegeben. Er hatte seinen Turm durch die Hintertür verlassen. Vorbei an dem Prinzen in den Flieger Richtung Horizont: „Guten Morgen, bin auf dem Weg nach Berlin. Abschießen und ablenken. Von Mister Big… Habe ich ein Suchtproblem?“

Er hatte sein Handy im Berghain verloren, bevor ich dazu kam, ihm zu antworten. Ich hörte vier Tage später wieder von ihm. Er hatte sich die Antwort selbst gegeben – während er durch den Dreck der Hauptstadt gekrochen war: „Im Übrigen habe ich ein Suchtproblem. Das ist mir jetzt klar geworden. Sex und kiffen. Das muss aufhören. Jetzt mehr lieber Qualität und Nüchternheit.“ Ich lachte.

Gerade versuchte ich ihn zu erreichen. Weil ich ihm was zu sagen hatte. Nicht über mich, sondern über jene, die sich irgendwann wieder für die Liebe entschieden hatten.

Die Antwort auf meine Frage hatte er ohnehin schon vorausgenommen. Ganz nüchtern betrachtet ist die Liebe eigentlich nichts anderes als der Weg raus aus dem Turm. Zu all den schönen Dingen da draußen, die es wert sind, geliebt zu werden. Muss ja nicht immer ein Typ sein. Wie wär’s mal mit Turnschuhen? Mit fettem Profil für matschige Tage.

Liebe

Liebe ist alles,

Brad Unterschrift

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