Hamburg Hafen City III

Spießertum: Die Spaziergänger

Veröffentlicht: Sonntag, 3. November 2013

Es gibt Dinge, für die wir uns als Kind einfach zu cool sind: Klavierstunden gehören beispielsweise in diese Kategorie, Rohkost – und Sonntagsspaziergänge. Ich ertrug Sonntagsspaziergänge mit meinen Eltern damals nur, weil sie auf der Höhe aller Rohkost- und Trennkost-Trends der Achtziger Jahre immer irgendwo endeten, wo Deftiges serviert wurde. Im Zweifelsfall einfach Omas Rinderrouladen, für die ich noch heute jeden Schuhladen links liegen lassen würde.

In Sachen Rohkost kenne ich noch immer keine Diskussion, dass ich das Klavier boykottiert habe, tut mir heute zumindest leid. Aber Sonntagsspaziergänge sind leider geil. Weil ich inzwischen kapiert habe, dass die Extraportion Luft den Ärger der Woche schneller verduften lässt als Duftkerzen überhaupt für Entspannung sorgen könnten. Viellicht muss man in mindestens siebzig Samstagnächten auf kalten Club-Klos gekotzt haben, um zu verstehen, dass die besten Wochenenden doch immer die sind, die du nicht halb im Koma verbringst.

Wir hatten verstanden. Seither treffen wir uns wann immer es geht zum Sonntagsspaziergang. Längst ist diese Altherren-Aktivität zur Herzensangelegenheit geworden. Als wir gegen Mittag am Maritimen Museum vorbeimarschieren, hätten wir fast eine Facebook-Gruppe eröffnet und ein Event draus gemacht. Um mehr Menschen die wundervolle Wirkung von Altherren-Aktivitäten ans Herz zu legen.

Sonntagsspaziergang Hafencity

Sonntagsspaziergang in der Hafencity. Jacke: Bench; Hose: Asos; Cap: Space Monkeys

Sonntagsspaziergang, Hamburg Stadtpark

Sonntagsspaziergang, Hamburg Stadtpark. Jacke: Alpha Industries, Hose: H&M; Cap: Dreamteam Clothing

Haben wir aber nicht. Vielleicht, weil wir befürchteten, uns als Spießer zu outen, vielleicht aber auch, weil die Gespräche, die wir auf den langen Wegen durch die Stadt führen, zu den besten zählen, die befreundete Singles zwischen Blankenese und Billstedt haben können. Exklusiv irgendwo in Hamburg, irgendwann um die Mittagszeit. Irgendwie interessant, wie sich unsere Wahrnehmung der Dinge über die Jahre ändert. Irgendwie auch beruhigend.

Vielleicht werde ich irgendwann ebenfalls verstehen, warum Frauen auf Duftkerzen stehen, warum Männer sich Formel 1 ansehen und warum alle den Jakobsweg runter gehen. Bis dahin laufen wir einfach weiter durch die Großstadt, teilen unsere kleinbürgerlichen Gedanken und trinken zum Abschluss irgendwo ganz spießig einen Kaffee.

Heute gab’s allerdings einen Burger. Wir sind vielleicht alt, aber absolut flexibel.

It’s so cool to be uncool,

Brad Unterschrift

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