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Die Schlampen sind müde

Veröffentlicht: Samstag, 7. November 2015

Ich komme von dort, wo die Kinder der konservativen Katholiken nach den Hausaufgaben Milch vom Kuhbauern holen, wo du nach dem Kirchgang Roulauden mit Kartoffelklößen serviert bekommst, wo du quasi keine andere Wahl hast, als auf die örtliche Klosterschule zu gehen. An einem Ort, der sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert hat.

Zumindest denke ich das jedes Weihnachten, wenn ich von der A3 von Frankfurt aus kommend die Ausfahrt über die Käffer nehme. Hainburg, Kleinkrotzenburg, bis ich in Großkrotzenburg lande. Dort bin ich groß geworden.

Die Bild-Zeitung nannte den Ort in seiner ihrer großen Sommerserie über deutsche Dörfer das „Energiedorf mit großer Historie“, oder so. Weil wir dank E.on Europas größtes Kohlekraftwerk haben, das in den Medien gern „Europas größte Dreckschleuder“ genannt wird. Aber eben auch ein Stück Limes mit Römerkastell, das heute zum Weltkulturerbe zählt.

Mein geliebter Vater sagte immer zu mir: „Junge, vergiss nicht, wo du herkommst.“ Er sagte mir das früh und immer mahnend. Weil man mir das früh sagen musste. Ich hatte meinen ersten Job mit 16 – und seither war ich eigentlich so oft es ging weg. Weit weg. Ich hatte Freunde in Hamburg, in Berlin, in Köln oder in München. Vor allem hatte ich selten Angst und nie Hemmungen.

Wenn mich das Frankfurter Nachtleben, das ich mit 16, 17 immer mit der ersten Regionalbahn Richtung Bayern wieder verließ, langweilte, nutzte ich eben jede Chance, um raus zu kommen. Aus Großkrotzenburg, das ich bei meinen Freunden in den Großstädten immer G-Town nannte, weil es kürzer war – und cooler klang. Denn ich wollte das alles irgendwann nicht mehr.

In der Pubertät verließ ich den örtlichen Turnverein und das Orchester, meine Karriere im Kirchenchor St. Cäcilia hatte ich damals längst begraben. Man könnte sagen, dass mich das alles nicht mehr kickte, sollte es mich jemals gekickt haben.

Wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich das töricht. Weil man Vater Recht hat. Meistens. Zumindest wenn er sagt, dass du nicht vergessen solltest, wer du bist, und woher du kommst. Ich war immer der small town dude mit der big city attitude. Irgendwie macht mich das auch aus. Auch wenn ich das nicht immer durchblicken lasse.

Das Charakteristische am Leben in einer dieser Riesenstädte ist, dass du sie eigentlich nicht verlassen musst, beziehungsweise es ungern tust. Weil du hier ja alles hast, was du brauchst. Und unter Umständen mindestens eine Nummer größer als in den umliegenden Käffern.

Ich kam trotzdem schnell dahinter, dass ich die wirklich schönen Abende in den letzten Jahren vor allem an den Endstationen der S-Bahnen hatte. Zum Beispiel bei Britta in Großhansdorf, oder bei Sebastian und Marcel in Lüneburg.

Ich nenne diese oft spontanen Ausbrüche aus der Big City Additude immer ironisch Landurlaub. Und immer, wenn ich wieder im Getümmel des Hamburger Hauptbahnhofs lande, sehne ich mich schon fast wieder nach der Gartenidylle mit Pool und Kinderspielgeräten im Garten zurück.

Als ich heute Morgen im Halbschlaf aus dem Fenster schaute, sah ich plötzlich Pferde auf einer Koppel. Ich glaube, ich hatte schon ewig keine Pferdekoppel mehr gesehen. Während der Zug weiter Richtung Süden fuhr, fühlte ich mich fast wieder wie damals. Zuhause. Auf dem Land. Nur, dass ich durch das Fenster nicht auf Europas größte Dreckschleuder schaute, sondern auf neblige Wiesen und kleine Häuschen mit großen Reetdächern. Ich wäre am liebsten weiter gefahren, wäre da nicht diese Lesung im „Palazzo Andrea“ gewesen, einem niedlichen Weinlokal in Schwarzenbek, Schleswig-Holstein.

Ich war aus gutem Grund gekommen. Mein Kumpel und Kollege Thilo las im Rahmen des Literaturherbstes des Bürgervereins aus „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“. Ich hatte mich seit Wochen auf dieses literarische Frühstück gefreut. Weil mich allein die Vorstellung von einer Literaturveranstaltung in einer 10.000-Einwohnerstadt immer wieder daran erinnerte, woher ich komme.

Die Generalprobe zur Premierenlesung läuft gerade im wunderschönen Schleswig-Holstein, wo ich definitiv in zehn Jahren…

Posted by BradSticks – Lifestyle-BLOG on Samstag, 7. November 2015

 

Ich weiß, dass viele, die mich nach der Klosterschule, dem Kirchenchor oder den Orchesteraktivitäten kennen lernten, es sonderbar finden, dass ausgerechnet ich aufs Land fahre, um mein Buch bei einem Bürgerverein vorzustellen. Doch so exotisch ich dort mit meiner Basecap auch ausgesehen haben muss, eigentlich gehöre ich dorthin. Auf dem Weg zum „Palazzo Andrea“ sagte Thilo noch zu mir: „Na, so dörflich ist es hier auch nicht.“

„Doch“, dachte ich, „und das ist wundervoll.“ Die freundliche Begrüßung, der Filterkaffee und die Käsebrötchen – all das fand ich so furchtbar sympathisch. Auch das Interesse der Gäste an diesem Buch, das nicht mal das Hauptwerk des Vormittags war.

Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr viel darüber nachgedacht, wer ich bin, und wo ich hin will. Heute wurde mir vor allem bewusst, wo ich herkomme. Und als ich später in den völlig überfüllen Zug nach Hamburg stieg, spürte ich irgendwie, dass mir mein Vater wohlwollend auf die Schulter klopft.

Wenn Leute wie ich, die nie eine Party oder irgendetwas anderes ausgelassen haben, aufhören, jede Nacht zum Tag zu machen, und freitagabends lieber Sat.1 gucken als „Sex and the City“ in lauten Clubs und hippen Bars zu spielen, kriegen sie jedes Wochenende mindestens einen Spruch gedrückt. Wenigstens „Du bist alt geworden“, wenn nicht „Die Schlampen sind müde“ oder so.

Sagen wir mal so: Wenn du Gruppensex mit fünf Leuten hattest, ist der große Kick sicherlich nicht, Gruppensex mit sechs bis sieben Leuten zu bekommen. Sondern samstagabends ganz allein auf dem Sofa zu sitzen, dir was vom Thai um die Ecke kommen zu lassen und das zu tun, was du am liebsten tust. Schreiben.

Unter Umständen fällt dir dabei wieder ein, wer du bist, wohin du willst – und vor allem, woher du kommst. Und dieses sehr intensive Gefühl des Kommens, das ich heute in Schleswig-Holstein hatte, können dir auch fünf Orgasmen in einer Hamburger Nacht nicht verschaffen. Irgendwann ist die Frage einfach nicht mehr, wohin du kommst, sondern wirklich woher.

Glaubt mir das mal,

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