rote schleife

Nacht am Flughafen

Veröffentlicht: Donnerstag, 27. November 2014

Ich werde diese Nacht am Flughafen nie vergessen. Sommer 2004. Wir saßen im Terminal 2 bei Coke, Pommes und Burgern und sahen den Fliegern zu, die von dort aus in die Welt abhoben. Wir dagegen waren Knall auf Fall runtergekommen. Trotzdem saß ich da und wünschte mir nichts sehnlicher als mit dir in die nächste Maschine zu steigen. Irgendwohin, weg von hier. Um wirklich neu angefangen.

Denn obwohl das so etwas werden sollte wie unsere zweite Chance, war keinem zum Lachen zumute. Es hatte dich Mut gekostet, mich anzurufen und mich Überwindung, zu kommen. Die letzten Minuten hatten wir uns in oberflächlichen Gesprächen gewunden und während meine Pommes langsam kalt wurden, wurde der Brei heißer. Und schließlich reden wir nicht mehr drumherum: „Könntest du dir noch vorstellen, mit mir zusammen zu sein. Trotz allem?“

Burger

Vor meinen Augen lief der gleiche Film wieder und wieder ab. Ich schnäutzte in mein Taschentuch. Der sonst so unnötige Heuschnupfen gab mir jetzt die nötigen Sekunden, einen klaren Kopf zu bekommen, bevor ich antworten musste. Jetzt bloß keine voreiligen Schlüsse ziehen!

Die letzten Tage waren wie in Trance an mir vorbeigezogen. Wach und trotzdem mit einem Schleier vor den Augen. Ich hatte dir Obst vorbeigebracht, weil dein Arzt sagte, du müsstest ab sofort gesünder leben. Ich hatte dich zum Joggen überredet, weil dein Arzt sagte, du müssest schnell fitter werden. Ich hatte ständig bei dir angerufen, weil das meine Art ist – damals, dir zu sagen, dass mir nicht egal ist, was mit dir passiert. Obwohl das lange so ausgesehen haben musste. Bis du mich angerufen hast.

Wie angewurzelt klebte ich auf meinem Stuhl und starrte auf die Flieger da draußen. Dann sagte ich dir das einzig Richtige: „Egal, was jetzt passiert. Egal, was wir jetzt machen. Wir müssen unabhängig von deiner Situation entscheiden, weil die hier völlig nebensächlich ist.“ Ich seufzte. Denn das war gelogen. Natürlich war der neue Status wichtig. So gewichtig, dass ich tagelang nicht geschlafen hatte. Teils aus Sorge um dich. Teils aus der Angst heraus, hier wirklich das Richtige zu tun, das Wahrhaftige. Und das schloss zwei Dinge aus: die Beziehung aus Mitleid ebenso wie die Beziehung aus Hilfsbedürftigkeit.

Es brauchte seine Zeit, bis ich mir wirklich darüber klar wurde, was das mit dir und mir gemacht hat. Nach dieser Nacht am Flughafen. Als wir uns nichts sehnlichster wünschten als die Zeit zurückdrehe zu können. Oder einfach abzuhauen. Uns irgendwo ein Nest zu bauen. Denn die Wahrheit ist: All das, was mal gewesen war, war unwichtig geworden. Weil nur noch das Heute zählte. Und das Morgen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht, habe mich an den Schreibtisch gesetzt und angefangen, diesen Text zu schreiben, den ich nie schreiben würde, wäre er nicht gefordert. Denn er fordert mich heraus. Mehr als die Texte, die ich sonst schreibe. Weil er mehr können muss als Menschen zu berühren. Er soll Menschen bewegen. Vielleicht, ihr Denken zu überdenken. Wie ich meine Gedanken, damals am Flughafen. Als ich dir ein Hafen sein wollte aber es nicht konnte. Weil ich selbst in der Luft hing. Zwischen all den Fragen, die sich plötzlich hoch kamen – und immer wieder auf eine runter gebrochen wurden: „Könntest du dir noch vorstellen, mit mir zusammen zu sein. Trotz allem?“

 

Ich dachte noch einmal über die letzten Tage nach. Es war zuerst ein komisches Gefühl, jemanden mit HIV zu küssen, so ganz bewusst. Und während meine Augen weiter mit den Flugzeugen vor dem Fenster flogen, kam mir kurz in den Sinn, wie viele Vollkatastrophen und kranke Typen ich in vollem Bewusstsein geküsst hatte. Da dachte ich: Kann gar nicht so schlimm sein. War es auch nicht. Weil du einer der besten warst, die ich jemals geküsst hatte.

Witzig eigentlich, dass wir uns mit kalkulierten Risiken trotzdem unwohl fühlen, wo wir im Leben ganz andere blindlings eingehen. Um beim Küssen zu bleiben: Eigentlich will ich gar nicht wissen, mit wem oder was ich in diesem oder jenem Club mal nach drei Drinks oder mehr rumgeknutscht habe, oder mehr, ohne lange darüber nachzudenken. Wenn ich heute genauer darüber nachdenke, warst du eine der wirklichen saven Nummern.

Nur, dass du in einem Moment anfällig warst. Leider ist es eine menschliche Schwäche, nicht immun zu sein. Gegen Dinge, die einfach passieren. In Momenten wie in diesen langen am Flughafen. Als ich plötzlich um dich weinen musste, und du der warst, der mich getröstet hast. Weil du stark genug für uns beide warst. Später hast du immer gesagt, ich soll bitte nicht immer anrufen und fragen, wie es dir geht. Weil du mir schon sagen würdest, wenn es dir nicht gut geht.

Immer wenn ich auf dem Weg von Hamburg nach Hause am Frankfurter Flughafen vorbeifahre, denke ich an diese Nacht und verkneife mir, eine Nachricht abzusetzen, die fragt, wie es dir geht. Weil ich weiß, dass du anrufen würdest, wäre es von Nöten. Eines habe ich durch dich gelernt: Irgendwann bringen uns Fragen nicht mehr weiter. Antworten ebenso wenig. Manchmal geht es einfach darum, nach vorn zu schauen und weiter zu leben. Nicht so, als wäre nichts passiert, sondern im Wissen, dass niemand unfehlbar ist.

Du bist nicht besser oder schlechter als ich oder die da draußen. Auch nicht schlauer oder dümmer. Du hattest einfach in einem entscheidenden Moment Pech. Pech haben ist menschlich. Und du bist ein toller Mensch. Dass wir nicht zusammen sind, ist dem Umstand geschuldet, dass wir die zweite Chance genutzt haben, um das Beste aus ihr zu machen.

Irgendwann möchte ich wieder mir dir am Flughafen sitzen, in den Nachthimmel schauen und davon träumen, abzuhauen. Wie Freunde das manchmal so tun, wenn sie sich auf Coke, Pommes und Burger treffen, um sich zu erzählen, was gerade nicht so gut läuft, oder was besser hätte laufen können. Weil das wichtiger ist als alles, was war: gemeinsam nach vorn schauen und träumen.

Ich habe dich lange nicht mehr gehört. Deshalb erübrigt sich wohl auch die Frage, wie es dir gerade geht. Ich will dir trotzdem sagen, dass es mich interessiert. Ich tue das mit diesem Text. Weil das meine Art ist – heute, dir zu sagen, dass ich oft an dich denke, wenn abends Flugzeuge über Hamburg rauschen, aber nur noch selten an deine Immunschwäche. Und ich hoffe, dass du ab und an noch an mich denkst. Hoffentlich nicht zuerst an meinen Heuschnupfen.

Herz drum, fertig.

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