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Moritz: Die Dinge ändern – oder ihre Bedeutung

Veröffentlicht: Sonntag, 21. August 2016

Wenn sich das Blatt zu deinem Nachteil wendet, stellt sich immer die Frage nach Optionen. Genauer gesagt, nach drei Optionen. Mehr gibt es nämlich nicht: sich ändern, die Dinge ändern – oder ihre Bedeutung.

Jene Frage stellte sich bereits kurz nach der Ankunft bei viel zu warmen Drinks an einem viel zu kühlen Sommersamstag in einem Garten in der Heide am Arsch der Heide. Wir waren über eine Stunde aus der Stadt rausgefahren, bis die Landstraße in schlecht gepflasterte Wege überging.

Jeder hatte seinen Grund für die Landpartie: eine Scheidung, Burnout-Erscheinungen und Vergangenheitsbewältigung. Eines aber war uns allen gemein – der Wunsch, den Kopf etwas frei zu bekommen und nebenbei ein wenig frische Luft.

Wir dösten unter Wolldecken, hörten Old-School-Deutschrap und stellten den neueren Status quo in Frage. Immer liefen die Gespräche auf eines dieser drei Enden zu. Sich selbst ändern zu wollen, heißt sich selbst in Frage zu stellen, wo die Dinge ändern zu wollen, lediglich die anderen in Frage stellt. Die Bedeutung der Dinge zu ändern dagegen ist der Versuch, zu verstehen, dass sich nicht nur wir und die Dinge ändern, sondern auch die Beziehung, in der wir zu ihnen stehen.

Wir brauchten Pro- und Contra-Listen, um uns unseren Problemen anzunähern. Marco war vor einem halben Jahr ausgezogen, hatte die Dinge noch einmal überdacht und wollte jetzt einen Neuanfang unter einem gemeinsamen Dach. Lasse wollte seine Work-Life-Balance durch einen radikalen Wechsel wieder herstellen.

Währenddessen war ich auch nach zwei Drinks noch nicht sicher, was mir die Dinge wirklich noch bedeuteten. Also bewertete ich sie. Bis ich zum Schluss kam, dass weder Marcos Optimismus, noch Lasses radikale Sichtweise meinen Blick auf das letzte Jahr wirklich trafen.

Viele Stunden später sah ich die Heidi im Rückspiegel verschwinden. Rauf auf die Autobahn zurück ins ungelöste Leben. „Hey, Moritz“, setzte ich eine WhatsApp ab, als wir uns Hamburg gerade wieder näherten, „wir war dein Spiel?“ Kurz hatte ich vergessen, dass mir ein anderer Moritz drei Jahre lang das Herz gebrochen hatte. Ein Kapitel, dessen letztes Blatt ich immer noch nicht gewendet hatte. In der Hoffnung, doch noch einen versöhnlichen Abschlusssatz niederschreiben zu können.

Allein die Nennung des Names löste bei mir noch immer irgendwelche Gefühle aus. Meistens schlechte. Ich schluckte den Kloß beim Aussteigen runter. „Bis Donnerstag, Jungs!” Auf dem Weg nach oben überlegte ich bereits, was ich gleich anziehen würde. Denn ich hatte mich entschieden. Mir nie wieder von einem Moritz das Herz brechen zu lassen. Wichtiger: die Bedeutung der Dinge zu ändern.

Moritz stand eine halbe Stunde später vor meiner Tür. Das bedeutete vor allem einen netten Abend zurück zuhause. Ich wehrte mich nicht. Schließlich hatte ich gerade ein hervorragendes Blatt auf der Hand. Ich spielte das Herz-Ass. „Mooooritz, hast du schon gegessen?”, rief ich aus dem Wohnzimmer in die Küche, wo er gerade zwei Drinks mixte.

Als wir wenig später unterwegs zum Burger-Laden um die Ecke waren, stellte ich zufrieden fest, dass ein langezogenes „Moooooritz” seit Monaten nicht mehr so schön geklungen hatte. Zumindest nicht in meinen Ohren.

Manchmal meinst du nur zu wissen, was die Dinge bedeuten. Wenn sie längst in einem anderen Zusammenhang stehen. Oder: auf einem anderen Blatt.

Herz drum. Fertig.

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