Norwegen -Wallpaper von Asesshyluver

Der Bombenanschlag auf Oslo und die beschämende Hierarchie des Leidens

Veröffentlicht: Samstag, 23. Juli 2011

Hungersnot in Somalia, Bombenanschlag in Oslo – und ganz sicher ist das nur die Spitze des Elends. Ich bin sicherlich nicht der politischste Mensch auf der Welt. Trotzdem komme ich mir derzeit elendig schäbig vor. Die letzten Tage habe ich nämlich ausschließlich damit verbracht, mich zu ärgern. Obwohl ich der Meinung bin, allen Grund zu haben – als ich hörte, dass in Norwegen auch noch ein Ferienlager beschossen wird, hätte ich mir am liebsten eine runtergehauen. Denn mir wurde mal wieder bewusst, mit welchen Luxusproblemen ich mich eigentlich und tatsächlich herumschlage. Doch muss ich mich wirklich schlecht fühlen?

Leidenskapazitäten sind knappe Ressourcen. Meine verteilen sich derzeit zu 45 Prozent auf Herzensangelegenheiten und zu 45 Prozent auf Kopfsachen. Die restlichen zehn dienen als eiserne Reserve für den Fall, dass ich mit meinen Lieblingsschuhen mal wieder in Hundescheiße trete oder dass sich die Inhaber meins liebsten Thai-Imbiss entschließen, noch länger als die angekündigten vier Wochen im Urlaub zu verweilen.

Norwegen ist weit weg

Ehrlich: Manchmal frage ich mich, warum es selbst in Gegenwart existenzieller Katastrophen nicht gelingt, persönliche Alltagssorgen über Bord zu werfen, wenn sie nur weit genug entfernt passieren. Norwegen ist offensichtlich weit genug entfernt. Vielleicht ist es wirklich nur der psychologisch bedingte Nachrichtenfaktor von lokaler Nähe, der mich in diesem Moment zum Vollidioten macht. Vielleicht bin ich aber wirklich genauso self-centered wie die Leute, die ich dafür verachte.

Fakt ist: Ich bin betroffen – wegen Ostafrika und wegen Oslo. Aber eben nicht von der Hungersnot in Ostafrika und auch nicht von den Anschlägen auf Oslo. Deshalb verhageln mir diese Nachrichten den Tag am Ende nicht, wogegen es im direkten Vergleich nichtige Dinge immer und immer wieder schaffen. Meine Hierarchie des Leidens – beschämend!

Der Graben kann zu bleiben

Und weil ich selbst keine Antwort darauf habe, werde ich ab heute zumindest versuchen, täglich dreimal weniger „Fuck!“ zu sagen und mir 100-mal weniger zu wünschen, dass sich der San Andreas Graben genau drei Meter neben mir auftun soll. Dafür will ich mich wieder mehr über die schönen Dinge des Lebens freuen. Versprochen! Den täglichen 15.45-Uhr Kaffee. Die Spaghetti von Dienstag. Meine Freunde. Vor allem über die Tatsache, dass sie bei den kleinen Katastrophen des Lebens wie das Rote Kreuz, die Heilsarmee und alle Terrorabwehrsysteme der Welt zusammen funktionieren.

Manchmal braucht es eine Britney Spears

Der Vorfall in Oslo erinnerte mich übrigens zuerst an den 11. März dieses Jahres. Dieser Freitag lag noch nah genug an meinem letzten Break-up, dass ich ihn mit zwei Freunden vorsätzlich fast komplett in einem Cafe verbracht habe, um über die Welt zu schimpfen und dabei zu trinken. Champagner ab 11 Uhr früh. Gegen 18 Uhr schaltete ich mein iPhone wieder ein und postete bei Facebook ein Foto. Da las ich es: „My heart is breaking for Japan“ – in Britney Spears News-Stream.

Ohne Britney „geliked“ zu haben, hätte ich halbalkoholisiert wahrscheinlich gar nicht, beziehungsweise irgendwann als letzter Mensch der Welt von Fukushima erfahren. Beschämend! Als ich wieder nüchtern war, stellte ich mich dafür selbst in die Arschlochecke. Heute das Revival. Um es wie Britney zu sagen: „Today, my heart is only breaking for Norway!“ Und das meine ich auch völlig ernst.

Was war schon Waterloo?

Was sind das persönliche Waterloo I und II gegen die Fukushimas und Oslos dieser Welt? Wohl wirklich nicht mehr als bittersüße Popsongs.

Deshalb für mich persönlich, für mein Gewissen und für alle, die heute ein wenig nachgedacht haben, der ultimative Make-it-a-better-place-Song, der nicht von Michael Jackson stammt: Video HIER!

Beauty’s where you find it,

Kommentare

  1. Gepostet von Mister X am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Support!

  2. Gepostet von Brad am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Yay!

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