Cocktailparty 2

Rausch: Das Leben… ist keine Cocktailparty

Veröffentlicht: Samstag, 27. September 2014

Ich liebe mein Leben. Die meiste Zeit begreife ich es als Rausch, in dem ich mich auf Sneakers rasant zwischen totaler Erregung und totaler Ernüchterung hin und her bewege. Rastlos. Manchmal so heftig, dass ich auf der ewigen Suche nach Ruhepolen an vielen Dinge vorbeirausche. Bis ich wieder an etwas hängen bleibe, das mich aus meinem eigenen Strom reißt, aus den Wellen, die ich mache. Zumeist um mich selbst – oder um das, wofür ich mich halte.

Ich hielt einen Moment inne als ich ihre Nachricht las: „Ich will endlich raus hier!“ Und irgendwie war es, als wäre ich plötzlich im Gespräch mit dem, für den ich mich mal hielt. Vor vier Jahren, während ich zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, aus dem Ruf aus dem Fernsehen eine Berufung zu machen.

Jedes Mal, wenn ich zwischen totaler Erregung und totaler Ernüchterung auf Airmax durch diese Stadt hetze, dann bin ich glücklich, auf diesen Ruf gehört zu haben. Obgleich die Geister, die ich rief, oft einschüchternd waren und selten leicht zu bezwingen. Und immer, wenn ich wieder am Punkt der totalen Ernüchterung ankam, rief ich mir ins Gedächtnis, was ich damals wollte: Endlich raus! Rein in den Rausch von „Sex and the City“, auf der ewigen Suche nach der totalen Befriedigung von Körper und Geist.

 

„Weißt du, in gewisser Weise bewundere ich dich. Weil du das geschafft hast, wovon ich seit meinen Studienzeiten träume“, schrieb sie weiter. „Du wohnst in Hamburg, schreibst Bücher und hast dieses Carrie-Bradshaw-Leben – nur dass du keine Pumps, sondern Sneakers kollektionierst. Ich finde es toll, was du geschafft hast und noch schaffen wirst. Wollte ich mal loswerden.“

Bis gestern Abend war ich viel zu beschäftigt, um wirklich über ihre Nachricht nachzudenken, über das „Raus wollen“ – das, was sie in mir sieht; dieses Leben, das von außen betrachtet manchmal wirklich wirken muss wie ein endloser Rausch mit kalten Getränken, heißen Partys und heißeren Jungs irgendwo im Sog der Großstadt.

Als ich gestern genauer überlegte, sah ich sogar fast das in mir, was sie in mir sieht. Zumindest für einen kurzen Moment. Denn oberflächlich gesehen, hat sie Recht. Irgendwie habe ich es geschafft, näher an dieses „Sex and the City“-Leben ran zu kommen als ich meinte, als ich mir vor vier Jahren erstmals Gedanken über einen Blog machte, der eben diesen Lebensentwurf beschreiben sollte. Irgendwann im Winter 2010 fasste ich ihn folgendermaßen zusammen:

„Eines Morgens wachte ich auf und dachte mir: Du bist 30, Single, leicht frustriert und hast fast so viele Schuhe wie Freunde auf Facebook. Du bist Carrie Bradshaw! Von Manhattan nach Mainhattan ist es nun wirklich nicht weit. Phonetisch gesehen. Andererseits: Ich bin keine Frau. Nicht mal ein Mädchen. Heißt, ich würde mein letztes Geld immer in einen fettigen Burger und nie in die Vogue investieren. Lieber Nike als Manolo Blahnik an den Füßen, lieber zwei Drinks mehr als einen zu wenig, lieber Playstation als Oper. Lieber erobern als erobert werden. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, dass Frauen dieses ganze „Sex and the City“-Ding für sich gepachtet haben. Ganz ehrlich: Auch Jungs geraten auf der Suche nach dem Guten, dem Schönen und dem Wahren manchmal ganz schön an den Rand des Wahnsinns.“

Ich liebe mein Leben. Insofern kann ich nachvollziehen, das es dem einen oder anderen da draußen auf der Suche nach der ultimativen Befriedigung durchaus als Inspirationsquelle dienen mag. Das lese ich aus vielen Nachrichten, die ich von Lesern bekomme. Dann bekomme ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in genau diesen Momenten nicht dazu durchringen kann, ihnen zu schreiben, wie es wirklich ist, ich zu sein. Wenn nur, um all ihre Energie für das „Ich will raus“ nicht zu stoppen. Weil ich weiß, wie wichtig es ist, diesem Ruf nach dem Rausch zu folgen. Aber ich weiß eben auch über die Ernüchterungen.

Von innen betrachtet ist mein Leben manchmal weniger berauschend als von außen gesehen. Ja, heute führe ich dieses „Sex and the City“-Leben. Ich habe die Abenteuerlust, die es dazu braucht, auch die passenden Schuhe, die mit genug Profil für harte Anstiege. Ich habe diese Seelenverwandten, mit denen ich nachmittags in Cafés und Abends in Bars abhänge, um über genau dieses Leben zu reden – oder über Lover.

 

Ich habe gerade ein Buch geschrieben und verfasse eine regelmäßige Zeitungskolumne über Dating-Themen. Ich habe Dates, vor allem habe ich diesen Mister Big, der mich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns und dann zu wahnsinnig guten Texten treibt. Meistens lasse ich mich von diesem Leben mitreißen, esse Schokolade zum Frühstück und trinke vor dem Einschlafen irgendwo noch einen Cosmopolitan.

 

Doch dann gibt es eben noch diese andere Seite, die weniger süße. Denn „Ich will raus“ und die ewige Suche nach dem Kick sind eben nichts, was man im Cocktail-Rausch umsetzt. Mein Leben basiert die meiste Zeit auf harter Arbeit, immer wieder auch auf harten Enttäuschungen. Gerade in den letzten Monaten war ich echt am Limit. Wegen Projekten wie der Fertigstellung des Buchs und anderen, die mir Befriedigung verschaffen sollen. Immer war da eine Deadline, ständig ein Verhandlungstag, permanent ein rastloses Arbeiten auf irgendwelche Ziele hin. Die meiste Zeit wollte ich raus aus diesem Rausch. Am liebsten auf eine einsame Insel mit Mister Big. Weil es aufreibend ist, sich ständig rastlos in einem Strom zu bewegen – spätestens, wenn du wieder mit voller Wucht gegen ein Hindernis prallst.

Manche Menschen meinen, dass ich einen Knall habe. Weil man in Städten wie Hamburg sicherlich ganz andere Dinge tun könnte als Feierabende und Wochenenden am Schreibtisch zu verbringen, um an irgendetwas zu arbeiten. Weil gerade diese Städte dir so viele Chancen bieten, so viele Gelegenheiten, sich zu beweisen – oder eine Bauchlandung hinzulegen.

Aber genau das ist es, was „Sex and the City“ wirklich ausmacht. In Städten, die niemals schlafen, muss man immer aufpassen, die nächste Bahn nicht zu verpassen. Im Grunde funktioniert Städte zu daten so wie Typen zu daten: Irgendwo zwischen totaler Erregung und totaler Enttäuschung reiben wir uns auf der Suche nach Befriedigung auf – für etwas, das wir in ihnen sehen, oder etwas, das wir von ihnen wollen. Denn „Ich will raus“ kommt nie allein. Es kommt immer Hand in Hand mit „Ich will dahin“.

 

Was mich betrifft: Die meiste Zeit liebe ich diesen Zustand der Rastlosigkeit und der Suche. So verschmerze ich oft die Opfer, die man für das bringen muss, das von außen manchmal so aussehen muss wie eine rauschende Party.

„Ich finde es toll, dass du raus willst“, habe ich ihr geantwortet. „Jetzt musst du dich nur noch an diesem Wunsch festhalten und dich jeden Tag motivieren, die Voraussetzungen zu schaffen. Ich habe über deine Nachricht geschmunzelt. Aber glaub nicht, dass es so einfach war hier oben wie es aussieht.“

Das Leben ist keine Cocktailparty. Selbst nicht in Hamburg. Glücklicherweise ist immer irgendwo irgendeine Party, auf der man sich von dieser ernüchternden Einsicht ablenken kann. Ich habe zuletzt viel gefeiert. Vor allem mich selbst. Stets kam am nächsten Morgen wieder dieser Zustand von Ernüchterung, der mich an den Schreibtisch getrieben hat, um irgendwas zu arbeiten, und um mich weiter aufzureiben. Am Leben in dieser Stadt, das ich liebe, und das ich irgendwann gegen ein Haus mit Reetdach in Schleswig-Holstein eintauschen werde. Mit Mister Big. Weil das Versprechen auf den Rausch allein nicht glücklich macht.

 

Vor allem brauchen wir das Versprechen auf einen Ruhepol, wenn wir wieder rasen. Zur nächsten Party, zum nächsten Date mit Mister Big oder zum nächsten Ziel auf der großen Suche nach irgendwas, das bleibt.

Bleibt am Ball,

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