Heimat

Fuck it, DAS ist meine Heimat

Veröffentlicht: Sonntag, 28. Dezember 2014

Seit bald drei Jahren sagen mir die Leute ständig, Hamburg sei mein New York. Womit sie Veränderung meinen, und die Chance, etwas zu reißen. Also habe ich mir den Arsch aufgerissen – und mich trotzdem in vielen rastlosen Nächten danach gesehnt, dorthin zurück zu kommen, wo die Uhren langsamer drehen und manchmal nicht viel mehr passiert als Hochzeiten und Beerdigungen. Alle, die den Weg von einem Dorf in die Großstadt gegangen sind, werden das verstehen. Denn wenn du hoch kommst, heißt das lange nicht, dass du den Traum vom kleinen Glück aufgegeben hast. Oder die Erinnerungen daran.

Rund um das Fest wird uns immer besonders bewusst, was wir haben, und was wir nicht haben. Nicht unbedingt wegen des nahenden Jahreswechsels. Das Bewusstsein für das was war, was ist, und was sein könnte, hängt mir dem Wünschen zusammen.

Denn zu keinem anderen Zeitpunkt haben wir das Gefühl, dass das Wünschen wieder hilft. Und im Moment, in dem wir einen Wunsch absetzen, oft leise in lauten Momenten, in denen wir in all dem Trubel kurz gedankenverloren auf die Lichter am prächtig geschmückten Weihnachtsbaum schauen, haben wir Soll und Haben bereits definiert, vielleicht auch kapiert, für was wir dankbar sein können – aber eben auch, was uns fehlt.

Fehlt zum Idealzustand, den viele von uns im Kreise ihrer Familien zwischen den Jahren erleben dürfen. Vielleicht inflationär gelebte Harmonie, aber eben eine Art der Freude und Zufriedenheit, die uns an anderen Tagen im Alltagsstress eher abgeht. Genauso wie die Ruhe, über das, was wirklich wünschenswert ist, nachzudenken.

Je älter wir werden, desto weniger lassen sich die wirklich großen Wünsche von anderen erfüllen, oder mit Geld. In einer Welt voller Wünsche läuft am Ende doch alles auf eines hinaus, das alle wollen: Glück. Das Glück erfolgreich zu sein, geliebt zu werden, weiter zu kommen – und vor allem das Glück, all das mit Menschen teilen zu können, die teil dieses Glücks sind, waren und sein werden.

 

Zum Glück gibt immer einen Weg zurück. Zum Beispiel zu Weihnachten. Dieser führte von der A3 runter auf eine Landstraße, die sich zuerst durch einen kleines Waldstück schlängelte und dann gerade in ein Wohngebiet einbog. Und während ich mir den Kopf verbog, um die vorbeirauschenden Häuser möglichst lange im Blick zu behalten, wurde mir klar, wie wichtig es war, hierher zurückgekommen zu sein.

Die letzten drei Jahre waren wie im Rausch vergangen. Doch hier, in dieser langen Straße durch den Ort, den ich so lange nicht gesehen hatte, schien die Zeit stehen geblieben zu sein. In ewiger Gleichförmigkeit steig der Rauch aus den Schornsteinen über die Fachwerkhäuser hinweg. Plötzlich dachte ich, dass von all dem, was ich zuletzt erlebt hatte, schon in zwei, drei weiteren Jahren nicht mehr übrig sein könnte als Schall und Rauch, während hier noch immer alles gleich sein würde – und dass das gar nicht schlecht wäre.

Vielleicht weil der Stillstand eine gewisse Art von Ruhe mit sich bringt, die wir brauchen, um nicht durchzudrehen. Wenn die Welt sich weiter dreht. Und wir uns ihn ihr. Immer schneller. Immer auf der Suche nach dem richtigen Weg. Nur nicht in dieser Straße, der geraden Linie, die wir irgendwann links verließen, um ohne Umwege das zu erreichen, was ich Heimat nenne. Nicht mehr Zuhause, aber noch immer Heimat im besten Sinne.

Den Weg hatte ich mit allen Sinnen aufgesogen. Mit offenem Fenster. Um wieder ein wenig der ewigen Stille zu hören, wie sie sich umso mehr an Feiertagen über diesen Ort legt. Ich lächelte. Das also war die himmlische Ruh, zu der ich mich immer wieder mal zurücksehnte. Immer, wenn die Tage in Hamburg laut geworden waren und die Nächte lang. Länger als hier die Straßenlaternen brennen.

Tief in mir drin brannte es, wieder auf dieser Straße zu gehen. Die so unspektakulär und langweilig ist, dafür immer direkt zum Ziel führt: dem Ankommen. Dem wirklichen Ankommen. Ohne Fragezeichen. Zu Orten, die mir Geschichten erzählen. Alte Geschichten, die mich schmunzeln lassen. Weil Erinnerungen nicht verblassen, wenn wir sie immer wieder auffrischen. Deshalb war ich gekommen. Weil dir alte Fotoalben allein diese Momente nicht zurückgeben.

 

Schon der Abend zuvor hatte sich wie eine Reise in die Vergangenheit angefühlt. Es war längst dunkel als der ICE endlich in Kassel einfuhr. Ich legte meine Arbeit zur Seite und schaute die letzte Stunde nur noch aus dem Fenster. Und mit jedem Bahnhof bis Frankfurt, wo meine Eltern leben, flogen nun die Erinnerungen an mir vorbei. An Ausflüge mit den Eltern – und als wir älter wurden an Disco-Abende am Arsch der Welt, an Dorffeste und dämliche Affären; an die Zeit, in der alles was nachts zählte, war, noch den letzten Zug nach Hause erwischen – oder wenigstens den ersten am Morgen. Ich wischte mir eine Träne aus den Augen. Es ist schön, zurück zu kommen.

Längst waren meine Sorgen anders gelagert, aber eben auch meine Erwartungen. Vor allem an Wege, die zu Zielen führen sollen. Nur hier nicht. Weil es hier weniger wichtig ist, als wer man kommt, sondern dass man überhaupt kommt. Vielleicht ein Stück zurück zu dem, was man nicht mehr wollte. Ich glaube, man muss erst wirklich weggehen, um zu verstehen, wie wunderbar es sich anfühlt, zurück zu kommen.

 

Lange nicht gesehen“, hörte ich über vier Tage laufend. Schnell wurde mir bewusst, wie schade das ist. Und wie wichtig, diese kurzen Tage komplett aufzusaugen. Weil man mehr schätzt, wo man ist, wenn man noch weiß, wo man war. Wahr ist: Von allen Arten zu kommen, ist das Heimkommen die schönste. Dabei war ich immer der, der ständig irgendwo hin musste. Nach dem Weihnachtsdinner schnell noch auf ne Party nach Köln, Stuttgart oder Berlin. Als wir jung waren. Und weniger weise. Heute nicht mehr.

Familie, alte Freunde, Erinnerungen. All das war der langen Weg wert. Weil hier kein Werteverfall stattgefunden hatte. Im Gegenteil. All das, was ich hinter mir gelassen hatte, war im Wert gestiegen – so wie der Eintritt in den Club. Doch mein großes Investment am folgenden Abend war nicht die das Geld, sondern die Zeit.

Jede Minute, die wir in unsere Freunde stecken, zahlt sich doppelt aus. Mindestens. Mitunter, weil wir bei ihnen selbst nach Funkstille selten von vorn und nie bei Null anfangen müssen. Weil wir immer an irgendetwas anknüpfen. So wie an diese Einsicht: Familie und Freunde sind die besseren Dates – und Investments. Im Gegensatz zu den Nullnummern, die uns so oft nur Energie rauben, verlangen sie nicht mal, dass wir uns übermäßig um sie bemühen. Nur, sie zu sehen. Um aufzutanken. So steigen ihre Aktien stetig. Ohne nervige Nullrunden. Ohne freien Fall. Mit gutem Recht.

 

Und so vergingen vier Tage wie im Flug. Vier Tage, in dem ich mal wieder alles war, was in der Ferne so verdammt kurz kommt:

Enkel…

 

… großer Bruder

 

… Ex-Freund

Weihnachten Dettingen

… Freak

Weihnachten

oder Katzenliebhaber.

Katzen


So groß die Freude war, gestern endlich wieder in mein geliebtes Hamburg zu kommen, kam ich nicht umhin mich zu fragen: Zwischen all den Dingen, die wir sind, und die wir werden wollen – ist es nicht das wichtigste, vorbehaltlos willkommen zu sein – ohne irgendetwas zu leisten? Ein Gefühl das am wichtigsten dort ist, wo wir herkommen. In meinem Fall, Großkrotzenburg am Main. Das ich manchmal G-Town nennen, um es größer zu machen als es ist. Aber hier muss ich das nicht.

 

Seit bald drei Jahren sagen mir die Leute, dass Hamburg mein New York sei. So fuck it! Das ist meine Heimat.

Herz drum, fertig.

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