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Das Ende der Romantik: Alles muss raus!

Veröffentlicht: Montag, 18. Juli 2011

Früher gab es Dinge, die zwangsläufig zusammen fielen: Juli und Sonne, Sonne und Sommer, Sommer und Romantik. Als wir als Teenager im Eiscafé bedeutungsschwanger „Heiße Liebe“ bestellten, konnten wir noch nicht ahnen, dass es Juli-Tage mit 14 Grad und Regen geben würde. Schon gar nicht, dass das Verlangen nach Vanilleeis mit Himbeeren irgendwann genauso zwangsläufig durch das Warten auf den nächsten Sommerschlussverkauf ersetzt werden sollte. Wer mit 30 aufwacht und fest stellt, dass die Romantik tot ist, der ist aktuell gut beraten, sein Geld nicht in kalorienreiche Desserts zu investieren. Denn Single zu sein ist noch frustrierender, wenn beim Frustshopping lediglich die Restposten aus der Abteilung für Schwangere passen und das Budget nur noch Schuhe aus der „Drei zum Preis für einen“-Abteilung erlaubt.

Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen (lernen). Leider ist das nicht immer einfach. Im Regelfall gibt es keinen Sündenbock wie Lehmann Brothers; oft lassen sie sich nicht auf umfassende Schlagwort wie „Perestroika“ bündeln; und: In den wenigsten Fällen sind sie so eindeutig wie ein großes „Sale“-Poster im Schaufenster des Schuhladens uptown. Der letzte große Ausverkauf unserer Zeit vollzog sich ohnehin eher unbemerkt. Wie Victoria Beckhams Schwangerschaft. Die eine Blase platzte mit viel Medienrummel auf dem Bett einer Privatklinik in Los Angeles, die andere ganz privat in einem Bett auf der anderen Seite des Atlantiks.

Alles Verhandlungssache?

Eigentlich hätte ich es ahnen müssen. Als das Eiscafe um die Ecke schloss und an gleicher Stelle ein Schuhladen eröffnete. Spätestens aber als Gerüchte aufkamen, Albert von Monaco hätte Charlene am post-emotionalen Verhandlungstisch Geld angeboten, damit sie die Ehe mit ihm trotz offensichtlicher Differenzen im vorehelichen Stadium trotzdem vollzieht. Ohne zu mutmaßen, wie hoch sein Angebot war und welchen immateriellen Preis sie auf der anderen Seite für ein Märchen im doppelten Sinn zu zahlen bereit war: Spinnt die?

Als ich mich am vorläufigen Ende der Romantik fragte, wie ich meine persönliche Perestroika möglichst schmerzfrei und außenpolitisch wirksam beginne, antwortete die Stimme des Bundesverbands des Deutschen Textilhandels: „Der Sommerschlussverkauf beginnt in genau einer Woche!“ Glücklicherweise fallen auch Lederwaren unter das Textilgesetzt.

Zeig mir dein Konsumverhalten

Das Fabelhafte am Einkaufen im Allgemeinen ist, dass der Käufer durch sein Konsumverhalten zumeist mehr von sich Preis gibt als seinen Geschmack. So ist davon auszugehen, dass Menschen, die im Supermarkt keinen Wagen brauchen, weil sie lediglich Zigaretten, zwei Tiefkühlgerichte und Kaffee kaufen, auf jeden Fall noch zu haben sind. Im Speziellen ist es aber gerade der Sommerschlussverkauf in Boutiquen und Schuhläden, in dem die Masken fallen. Also Augen auf beim Frustkauf. Denn im Kampf um die letzten vorzeigbaren Stücke auf der Resterampe geben die Zigaretten-Tiefkühllasagne-Kaffee-Käufer zumeist unfreiwillig mehr von sich Preis als ihren persönlichen Kleidungsstil.

Ist ein Mehr wirklich mehr?

Es gibt Singles, die verfahren nach dem Motto „Mehr ist mehr“. Im Sommerschlussverkauf wollen sie am liebsten alles mitnehmen. Hauptsache billig. Diese Spezies kommt immer mit mehreren Tüten nach Hause. Schlussendlich verendet die völlig überbewertete Ware allerdings im Schrank direkt neben diversen Frustkäufen aus dem letzten Winterschlussverkauf und wird wenn überhaupt noch zu C-Events getragen. Und das schließt Wiener Walzer-Abende unbedingt aus.

Qualität hat ihren Preis

Und dann gibt es Singles, die verfahren nach dem „Weniger ist mehr“-Prinzip. Selbst auf der bedeutungsschwangeren Resterampe wollen sie für ihre Investition Qualität – und würden ein qualitativ hochwertiges Paar Schuh einem minderwertigen aus der „Drei zum Preis von einem“-Abteilung stets vorziehen.

Und wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, kaufen sie einfach woanders. Qualität gibt es nicht zu Dumping-Preisen. Die sorgfältig ausgewählte Ware landet auf dem Präsentierteller und wird stets mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht getragen.

Wie man konsumiert, so liegt man

Der Vergleich liegt quasi aus der Hand: Auf dem langen Weg des Single-Lebens ist der passende Schuh mit gutem Profil um ein Vielfaches hilfreicher als drei Paar billige mit abgenutzter Sohle. Besonders an verregneten Juli-Tagen, an denen der Weg rutschig und von Gräben umgeben ist. Das Fatale: Seit dem Fall des Rabattgesetztes vor genau zehn Jahren gibt es keinen klassischen Sommerschlussverkauf mehr. Billiges ist das ganze Jahr über erhätlich. “Natürlich gibt es auch schon vor dem 25. Juli Rabattaktionen”, heißt es beim Textilverband. “Dabei handelt es sich zumeist um Übergangswaren.” Aha!

Manchmal passt er wie angegossen

Deshalb gehe ich am nächsten Montag mit folgender Einstellung in den Sommerschlussverlauf: Zwischen Plagiaten und Billigimitaten gibt es immer Schuhe, die wie angegossen passen. Und sind sie erst einmal eingelaufen, sind sie längst noch nicht out of fashion. Im Gegenteil: Sie sind treue Begleiter – im tiefsten Tal, auf den höchsten Gipfeln.

Natürlich fallen auch “real people” mit coolen Schuhen im Leben manchmal auf die Fresse. Was tun sie dann? Richtig: Sie stehen auf und gehen weiter. Stolz und mit Würde. Irgendwo hin, wo die Romantik nur eine Scheintote ist.

Zumindest die letzten Romantiker dürfen sich nämlich mit einem Märchen trösten: dem von Aschenputtel. Ihr hat der richtige Schuh richtig viel Glück gebracht, während die Imitate Blut lassen mussten. Und als die Fleischbeschau im königlichen Schloss endete, war sie alles. Alles was zählte.

Don’t kill romance, go shopping for real things!

 

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