Bussi Bussi

Bussi-Bussi-Babes

Veröffentlicht: Sonntag, 12. Mai 2013

Gelegentlich gibt es nichts Dämlicheres als deutsche Deppen, die die klebrige Kuss-links-Kuss-rechts-Kacke zur heiligen Höflichkeitsformel erhoben haben. Besonders wenn sie in heiteren Horden auftreten. Und ganz besonders, wenn wir um zehn vor Nachtbus einen Club mit ihnen verlassen. Denn noch bevor im theatralischen Tschüss-Tamtam jeder jedem die gespitzten Lippen auf die verschwitzten Wangen gepresst hat, ist der Bus weg. Die gute Laune ebenfalls. Bus oder Bussi?! Come on…

Ich kam nicht umhin mich zu fragen: Wann war der Moment, in dem das Feucht-Französische den harten Handschlag als akzeptiertes Abschiedsritual abgelöst hat? Vielleicht, weil ich weiß, dass manche Leute Sachen mit dem Mund machen, die ich nicht mal mit der Hand wagen würde. Küssen ist eben doch intimer als Sex. Das war mir bereits im Kindergarten klar, wo peinliche Doktorspielchen als naturwissenschaftlicher Forscherdrang toleriert, aber präpubertäre Knutschereien im Puppenhaus als unnatürlich früher „Sturm und Drang“ sanktioniert wurden. Mit Puppenhausverbot! Come on…

Es sind diese grauenvollen Montagmorgen, an denen wir mit dicken Ringen unter roten Augen in den Bus Richtung Arbeit steigen. Und plötzlich stehen sie da: die Puppen, die wir im Deckmantel des warmen Club-Lichts erst angetanzt, dann heiß gemacht und Stunden später mit einem verheißungsvollen Bussi-links-Bussi-rechts in die kalte Nacht verabschiedet haben. Ein Lächeln und wir wissen, dass der Zug, sie zu ignorieren, abgefahren ist. Übrigens auch der Bus, was die Flucht unmöglich macht. Im Dunkeln an der Haltestelle fummeln, ja. Aber sie jetzt küssen? Zwischen kreischenden Kindern, mampfenden Mamas und neugierigen Nerds? Halt! Wir geben schnell High Five. Das ist cool und unkompliziert.

Die Haltbarkeit von Gefühlen nach fantastischem Sex entspricht der Haltbarkeit von Sättigung nach fantastischem Essen: Wir zehren so lange von ihnen, bis wir im nächsten Laden to-go etwas entdecken, das mindestens genauso lecker daher kommt. Und billig. Dagegen entspricht die Haltbarkeit von Gefühlen nach einem fantastischen Kuss ungefähr der Haltbarkeit von fantastisch funkelnden Diamantencolliers: Geben wir sie an der nächsten Club-Garderobe nicht leichtfertig ab, beschäftigen sie uns dauerhaft. Zumindest zu zwei Gelegenheiten: Tag und Nacht.

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Ich weiß nicht ob du gemerkt hast, was an diesem Abend mit mir passiert ist. Als der Tag in Nacht überging und dein Atem in meinen. Als du meine Hand genommen und mir ganz lange in die Augen geschaut hast. Als du mir ins Ohr geflüstert hast, was du an mir magst: meinen Style, meinen Trizeps UND, dass ich so herrlich unkompliziert bin… Mich hat der Schlag getroffen!

Alter, meinst du wirklich, dass ich einer von denen bin, die mit jedem rumlecken? Vielleicht… Aber seit wir uns getroffen haben, küsse ich nur noch dich! Und du scheinst das nicht zu checken. Sitzt da wie’n Checker mit deinem Bier und deinem Sixpack und fragst deine App, wann der letzte Bus nach Hause fährt. Und ich würde dir am liebsten eine langen. Links und rechts. Du hast nie gefragt, warum es bei mir immer perfekt aufgeräumt ist, welche Blumen ich mag oder ob ich eventuell mal Lust auf ein Feuerwerk hätte. Ein richtiges. Mit Musik und so. Und Händchenhalten. Nein, nach der Zigarette danach stehst du auf, hebst die Hand und verabschiedest dich mit High Five. Come on…

Ich kam nicht umhin mich zu fragen. Wann hat High Five das Verleugnen als höchste Form der Verachtung abgelöst? Beziehungsweise: Bin ich für dich die Bussi-Bussi-Puppe im Montagmorgenbus Richtung Niemandsland – so links, rechts und raus? Diesmal nicht! Ich habe meine Lippen mit Fettstiften gepflegt und dir ein Shirt zum Schlafen aufs Bett gelegt. Ich habe alle hier: Kuschelrock, Klopapier und dein Lieblingsbier. Jetzt nimm mich auch als Kuscheltier, das wünsch’ ich mir. Denn wenn du mich küsst, wenn du mich in den Arm nimmst und dein Atem in meinem übergeht, geht mir nicht nur einer ab. Dann öffnet sich mein Herz. Dann will sich meine rechte Hand zum Himmel erheben und Gott High Five geben. Doch ich lass sie unten und sogar noch tiefer sinken. Von deinem Kopf über deine Brust und weiter runter – nur um mich noch einmal bildhaft davon zu überzeugen, ob mir dein Ring wirklich stehen würde. Und dann trifft mich wieder dieser Schlag. Ja, ich will!

Um diese Ringparabel (vgl. Lessing) richtig zu beenden: Egal an welchen Gott ihr glaubt, ob ihr ihn Amor, Eros oder Ramazzotti nennt… oder Wodka Red Bull. Dieser Gott will nicht, dass ihr leidet. Er will, dass ihr lacht, dass ihr liebt, dass ihr küsst – selbst nach einer langen Clubnacht mit Pommes rot-weiß vom 24-Stunden-McDonalds zwischen den Zähnen. Genau dann, wenn es euch egal ist, ob der Nachtbus nun schon abgefahren ist oder nicht. Sonst hätte Gott den Mund nicht erfunden. Alles andere lässt sich schließlich mit den Händen erledigen. So wie ein High Five auf die Liebe und alles Feucht-Französische!

Kiss and stay fashionable,

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