Jugendsünden-1995

Das Lexikon der Jugendsünden: “Wir waren jung und brauchten das Gel!” Lasset uns lesen…

Veröffentlicht: Donnerstag, 16. Juni 2011

 

“To all the (ex-)ravers in the Nation”: Was sind eure Jugendsünden? Das Kelly Family-Konzert auf der auf der Loreley? Das Sticker-Sammelalbum? Zugegeben: Die Wahl fällt schwer. Der Liebensbrief auf einer Diddl-Postkarte, der Beverly Hills 90210-Starschnitt über dem Bett oder doch der Kauf einer DJ Bobo-Single – Potenzial, zu sündigen, besaßen die neunziger Jahre zweifellos. Nicht nur, weil Sharon Stone im Skandalfilm „Basic Instinct“ ihre Beine unverschämt breit machte. Das Generationen-Buch „Wir waren jung und brauchten das Gel“ hat mich gerade wieder daran erinnert.

Das Schlimmste zuerst

Mitte der neunziger Jahre wollte ich aussehen wie einer der ganz großen Stars dieser Ära! Haarfarbe und Frisur sind verräterisch. Na, kommt ihr drauf? Ich sage nur soviel: Das Wasserstoffperoxid tötete damals nicht nur meine Haarpigmente, sondern auch meine gesamte Kopfhaut. 36 Grad – und es wurde noch heißer!

Buchtipp mit Nostalgie-Faktor: Wir waren jung und brauchten das Gel

Es war übrigens die Rezension der dpa-Autorin Caroline Bock, die mich auf das Buch von Elena Senft und Lisa Seelig aufmerksam machte. Die beiden Journalistinnen betreiben in Berlin das Pressebüro GOLDSCHRIFT und arbeiten freiberuflich für viele unserer liebsten Zeitschriften und Tageszeitungen wie die SZ, den Tagesspiegel, für NEON, ZEIT-Online oder meine Bibel – die Vanity Fair (als es die deutsche Ausgabe noch gab).

Spiegel Online druckt seit Mai regelmäßig Auszüge aus dem „Lexikon der Jugendsünden“ ab (Mehr: Siehe Ende des Beitrags). Caroline Bock schreibt in ihrer Rezension:

 „Radlerhosen, Billig-Techno und Diddl-Maus. Die 90er Jahre waren gar nicht so cool. Zwei  Autorinnen, deren Zahnspangen-Alter noch nicht lange her ist, rechnen mit ihren Jugendsünden ab.“

Das hat mich ich meiner Meinung über die Neunziger nicht nur bestätigt (mehr HIER), sondern auch daran erinnert, dass ich irgendwo noch einen unfertigen Text über Jugendkulturen auf dem Desktop habe (Mehr HIER). Nicht umsonst stellt Bock in ihrem Text nämlich die Frage, was die auf Senft und Seelig folgende Generation in zehn Jahren als ihre Jugendsünden bezeichnen werden:

Germany’s next Topmodel gucken? Die Partyfotos bei Facebook? Oder den von Justin Bieber abgekupferten Topf-Schnitt?“

Bevor ich auf „Wir waren jung und brauchten das Gel“ zurückkomme, ein kurzes Brainstorming zu den Jugendsünden, die mir persönlich ganz spontan präsent sind.

Die Modesünden der Neunziger Jahre

Buffalos, ob Junge, ob Mädchen – und danach erst einmal nicht viel. 250 Mark mussten wir für ein Paar berappen. Wenn Senft und Seelig berichteten, sehnsüchtig auf den elterlichen Zuschuss für die In-Jeans gewartet zu haben – die Levi’s 501 kostete übrigens 99 Mark – wird umso deutlicher, wie profitable der Schuhsünden unserer Adoleszenz waren.

Auf einer „Blackwell-Liste“ der Nineties-Modesünden ebenfalls nicht zu vernachlässigen: Kangol-Kappen, Schnellficker-Hosen (von Adidas oder Kappa) UND Raver-Puscheljacken wie Blümchen sie trug.

Sie ließen Träger beider Geschlechter aussehen wie Bibo aus der Sesamstraße. Überhaupt war die Rave-Bewegung ein Schmelztiegel des schlechten Geschmacks. Heute würde nicht einmal Boris Entrup seine Models so grauenvoll bunt schminken wie es Marusha zu tun pflegte. Und der benutzt für ein Auge immerhin vier Farben!

Die Kelly Family und der Grunge rund um Nirvana sorgten außerdem dafür, dass wir uns abgeranzte Klamotten auf Flohmärkten besorgten; uns mit Feilen Löcher in die teuer erworbene 501 rubbelten; aber immerhin auch dafür, dass wir dank Doc Martens kurzzeitig auf gesundem Fuß durch die Welt wanderten. Erst als sich mit Sex and the City das Ende der 90er abzeichnete, verlor Gesundheit endlich wieder gegen Style. Danke, Manolo Blahnik.

Mädchen waren Girlies wie VIVA-Moderatorin Heike Makatsch. Jungs hatten leider keine Ausrede für schlechten Stil. Obwohl: Nils Bokelberg und Mola Adebisi…

Schlussendlich zum Thema Accessoires: Woher kamen eigentlich die Glasschnuller-Kettenanhänger? Und wer ist für diese Modesünde zu bestrafen?

Die Musiksünden der Neunziger Jahre

Es gibt Partys in Frankfurt, auf die ich eigentlich nur gehe, um Musik zu hören, die selbst DJanes wie Giulia Siegel oder Dolly Buster zu trashig ist. Zum Beispiel „Tribal Dance“ von Two Unlimited. Denn es war nicht nur der Billig-Techno, sondern auch der mehr poporientierte Eurodance, der den schlechten Geschmack meiner Generation prägte.

Und der hatte zumeist zwei Gesichter: eine weiße Sängerin und einen schwarzen Rapper: Culture Beat, Magic Affair und  Twenty 4 Seven sind nur wenige von vielen Beispielen.

Magic Affair-Sängerin Franca Morgano arbeitet immer noch als Musikern. Noch immer tritt sie im Fernsehen und auf Gala-Veranstaltungen auf. Nach dem ECHO und MTV-Awards-Nominierungen für “Omen III” folgte eine Zeit der musikalischen Selbstfindung.

Heute ist sie gern mit der Gitarre statt mit billigen Computerbeats unterwegs.

Der Typ an ihrer Seite ist übrigens nicht Rapper AK Swift. Das bin ich – glücklicherweise nicht mehr im Nick-Carter-Look!

Was das black&white-Modell betrifft, bestätigen Ausnahmen die Regel. Siehe Dune. Ihr „I can’t stop raving“ wurde gleich zu einer Hymne des schlechten Geschmacks. Die deutschsprachige Musik bot übrigens auch viel Schlechtes: Von Blümchen bis Tic Tac Toe. Lucilectric!

Die große Boy-und Girlgroup-Ära dagegen war gar nicht so schlecht.

Backstreet Boys und Spice Girls kann man auch heute noch hören, Take That wieder.

Gleiches gilt für Ace of Base. Ich LIEBE Ace of Base!

Freizeitsünden der Neunziger Jahre

Sticker sammeln („Zwei Glitzer gegen einen Stoff!“). Vor dem Abitur noch schnell am Ballermann Koma-Saufen. Explosiv das Magazin mit Barbara Eligmann einschalten. Nach der Schule zusehen, wie sich die Nation in Talkshows bei Arabella Kiesbauer, Ilona Christen, Hans Meiser oder Bärbel Schäfer beschimpft. Das Private wurde öffentlich. Und unterhaltsam. „Die Privatsphäre wird überschätzt“, sollte Facebook-Gründer Marc Zuckerberg rund zehn Jahre später sagen. In der Schule Brieffreunde aus aller Welt bestellen – 2,50 Mark pro Kontakt, glaube ich und nur im Viererpack erhältlich. Urlaub im Center Park, bevorzugt in Holland. Wem fallen noch ein paar ein?

Jugendkulturen heute

In den Neunziger Jahren gab es Grunge, es gab Raver und Girl Power. Bevor sich jeder die Welt via Internet ins Wohnzimmer holte, bevor sich „MTV Europe“ in einzelne Sender aufspaltete, fiel die Orientierung leicht. Als sich Medien und Medienverhalten mehr und mehr diversifizierten, lösten sich die klar umrissenen Jugendkulturen auf. Beziehungsweise entstanden nicht wirklich neue, die inhaltlich zu fassen waren.

Was wären die Jugendkulturen von heute? Die Rave-Bewegung ist spätestens seit der Love Parade 2010 tot. Metaler, Skater, Hip-Hopper und Punk sind keine Erfindungen des neuen Jahrtausends. Emos vielleicht, oder Straight-Edger. Hello Kitty-Tussis? Die Atzten, die als neues Spaß-Movement hätten relevant werden können, sind aus dem Rennen.

Seit sie mit NDW-Oma Nena gemeinsame Sache machen.

Insofern wird es wirklich interessant, was die Jugend von heute ihrem kollektiven Gedächtnis in zehn Jahren nostalgisch hinzufügt. Sie wird es schwerer haben als Florian Illies mit seiner „Generation Golf“, schwerer als jemand, der Uschi Obermaiers Leben verfilmt und auch schwerer als Frauen, die jung waren und das Gel brauchten.

Nicht mehr als Frau Lewinsky

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Nachlass der neuen Generation auf der politischen Ebene. Tschernobyl und Mauerfall waren in den Achtzigern. Der 11. September, die Weltfinanzkrise, Fukushima, die erste Bundeskanzlerin und der erste schwarze Mr. President fallen bereits ins neue Jahrtausend. Wir hatten zumindest die Lewinsky-Affäre. Kein Wunder, dass sich die Neunziger lediglich im schlechten Geschmack ergossen.

Zur Auflösung noch einmal das Original zum Artikelfoto-LookAlike: Mittelscheitelboy Nick Carter, übrigens auch Jahrgang 1980. Heute sieht auch er besser aus als 1996. Ich bin stolz, 2011 zur Generation der Around-Thirties zu zählen. Schließlich wissen wir Ikonen wie Britney Spears, Justin Timberlake, Paris Hilton oder Beyoncé in unseren Reihen.

I Love Britney,

 

Check also:

Das wurde aus der „Generation Next“ – Mehr HIER!

Die Nineties waren uncool – Mehr HIER!

Die beiden Autorinnen seht ihr HIER!

* Das Buch „Wir waren jung und brauchten das Geld“ ist im Fischer-Verlag erschienen. Spiegel Online druckt seit Mai regelmäßig Auszüge ab. Spiegel Online schreibt zur Einführung:

Früher waren fast alle Mädchen in David Hasselhoff verliebt, heute mögen viele nicht mal mehr zugeben, jemals Fan gewesen zu sein. Dabei würde zum Beweis ein Blick in alte Schulfreundebücher genügen, schließlich wurde stets der Lieblingssong abgefragt. Unzählige Male steht dort in krackeliger Kinderschrift sein Hit „Abi lucki for frieden” – natürlich im besten Englisch. Aber neben David Hasselhoff gibt es andere Peinlichkeiten aus der Jugend, die viele heute gern verschweigen: die Kelly Family, Radlerhosen, „Vanilla Kisses”-Deo, XXL-Pullover, die glitzernde Zahnspange und peinliche Erlebnisse mit Blue Curaçao. Lisa Seelig und Elena Senft haben die Jugendsünden der neunziger Jahre gesammelt und in ihrem Buch „Wir waren jung und brauchten das Gel” zusammengefasst.

Kommentare

  1. Gepostet von Torben am Donnerstag, 16. Juni 2011

    Bewundere deinen Mut, dieses Foto zu publizieren *kiss*

  2. Gepostet von Lisa am Donnerstag, 16. Juni 2011

    Schöner Text. Hast du die SZ-Beilage zum Thema 30-werden oder so gelesen?

  3. Gepostet von Brad am Donnerstag, 16. Juni 2011

    @ Torben: So bin ich ;)
    @ Lisa: LEider immer noch nicht. Aber ich arbeite dran. C’mooon. I’m still 21;)

  4. Gepostet von Jules am Donnerstag, 16. Juni 2011

    Wer frei von Sünde ist werfe den ersten Stein

  5. Gepostet von Milli am Donnerstag, 16. Juni 2011

    @Brad: :::::)))))))))))))) love your posting! See U Friday night …
    @Lisa: die aktuelle SZ?

  6. Gepostet von Brad am Donnerstag, 16. Juni 2011

    ist ne ältere… treffe Kat schon mittags, bin aber auch abends am start

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