Einhorn

Es ist mehr als Herzschmerz, es ist Brustkrebs

Veröffentlicht: Samstag, 26. Juli 2014

Wir hatten drei Stunden in Planten und Blomen gelegen und um den heißen Brei herumgeredet. Auf dem Rückweg Richtung Dammtor sprach Andi es endlich ungeschönt aus: „Es geht ja nicht nur uns so. Irgendwie ist jeder, mit dem ich derzeit spreche, unzufrieden. Aus einem Grund, den er nicht kennt. Weil objektiv alles gut ist.“

Objektiv ist das die Wahrheit, subjektiv gesehen dagegen nur die halbe. Weil es im Leben immer Dinge gibt, die stören. Irgendwann summieren sie sich zu dieser Art unerklärlichen Unzufriedenheit, die wir unter der Brust im Herzen tragen, die sich schließlich im ganzen Körper ausbreitet wie ein Geschwür, das an uns nagt.

Nebenbei gesagt: Zumeist handelt es sich selbst in der Summe der Störfaktoren noch um Nebensächlichkeiten. Denn wenn wir ehrlich sind, ist alles gut in unserem Leben. Bis auf Details, die besser sein könnten. Jobs, Bikinifiguren, Beziehungen:

 

Dennoch gönnen wir uns den Luxus, unentwegt unzufrieden zu sein. Wir therapieren uns, indem wir uns samstagabends abschießen. Und wenn wir sonntagmorgens verstrahlt aufwachen, ist alles nur noch halb so schlimm. Weil der Kater in diesen Moment, objektiv betrachtet, schlimmer ist. Schöne, neue Welt.

Der Einbruch

Der letzte Einbruch in meine Welt kam gestern um 17.36 Uhr, kurz vor Feierabend. Ich war gerade dabei nachzudenken, wie ich alles in das folgende Wochenende reinpacken kann, was müsste und was sollte: den Traummann, das Buch und den Blog, die Hausarbeit, den Schreibtischkram – und den Schlaf. Vor allem den Schlaf. Allein der Gedanke an alle To-dos und Must-haves lähmte mich fast wieder so wie die Grippe, die ich gerade hinter mir habe.

Irgendetwas in mir sagte, „Hör auf damit, bevor dein Körper dich erst wieder ausbremsen muss!“ Aber wer hört schon auf undefinierte Stimmen aus dem Off? Offensichtlich braucht es manchmal etwas anderes, um das Geschwür unter der der Brust zu stoppen.

Als sich das Fenster im Facebook-Chat um 17.36 Uhr öffnete, eröffnete mir das wieder die andere Sicht auf das Leben: „Es geht so schnell und man hat doch nur diesen einen Körper, alles andere ist doch so kackegal…“

Ich hätte diesen Satz in Variationen dreimal gehört im letzten Jahr, immer von jungen Frauen mit Brustkrebs. Zuerst im August: „Ich habe gerade gelernt wie wichtig es ist, an den guten Tagen festzuhalten. Wer weiß, wie viele noch kommen.“ Zuletzt im November per SMS: „Sei dankbar für die schönen Momente. Im Grunde geht es dir doch gut.“


In diesen Momenten beginnt man automatisch nachzudenken. Über das unerklärliche Unglücklichsein, das man unter der Brust trägt. Jeden Tag; das sich ausbreitet wie ein Geschwür, bis man sich wieder mit seinen besten Freunden in Planten un Blomen treffen muss. Zwecks Gruppentherapie mit Gummibärchen, Bier und heilsamer Sonneneinstrahlung.

Gerade habe ich auf Facebook wieder Bilder vom Chiemsee gesehen. „Reha ist toll“, stand unter einem. Ich schrieb ihr eine Nachricht: „Hoffe, du hast eine tolle Reha!“ und las mir dann den Nachrichtenverlauf der letzten Monate durch. Zurück bis November.

Ich brauch deinen Trennungsschmerz-Rat. Tut ziemlich weh grade, und habe gerade erst den blöden Brustkrebs besiegt. Brauch zum Glück keine Chemo mehr, jetzt nur noch Bestrahlung sechs Wochen. Am Donnerstag ist erster Vortermin in der Klinik und dann hab ich es geschafft. Nach drei OPs.“

Wir waren beide von Liebeskummer zerfressen. Für mich ein primäres Problem, für sie ein sekundäres. Ich fühlte mich schlecht. Nicht wegen dem immer schnell daher gesagten „Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht als dir“-Ding. Denn das streift den Zustand der unerklärlichen Unzufriedenheit nur am Rande.

Die Lösung

Richtig ist: Es gibt Probleme und es gibt Luxusprobleme. Und beide haben im Leben ihre Berechtigung. Manchmal reden wir über Jobs, über Männer oder Gewichtszunahmen, manchmal über Brustkrebs. Die Antwort auf alle offenen Fragen der Problembewältigung erfolgte gestern um 17.56 Uhr, kurz bevor ich meinen Computer herunterfuhr um mit der S1 Richtung Wochenende zu fahren:

Ich hab genug Fröhlichkeit in mir. Alles wird gut, ich weiß bald kommt der Regenbogen.“

Dieser Satz hat mich berührt. Nicht primär, weil er die unerklärliche Unzufriedenheit unter meiner Brust besiegte, sondern weil er zeigt, dass Optimismus die beste Therapie ist im Leben. Für so vieles. Besonders für das Geschwür der unerklärliche Unzufriedenheit, wenn objektiv alles gut ist.

Ich werde versuchen, ein bisschen mehr von dieser Fröhlichkeit unter meiner Brust im Herzen zu tragen. So ungefiltert wie sie in meinem Chatfenster stand. Weil ich verstand, dass zwar jeder sein eigenes Päckchen hat, es mancher aber besser versteht, es zu tragen. Mit Optimismus und Fröhlichkeit:

Ich werde bald wieder bei euch sein. Dann verteile ich Rosen – und Konfetti!“

Da platzte bei mir ein Knoten. Direkt unter der Brust. Gestern Abend beschloss ich, mich mal weder mit Party, noch mit Arbeit abzuschießen und einfach Serien zu gucken und nachzudenken. Als ich heute morgen aufgewacht bin, schrieb ich ihr eine Nachricht: „Vielleicht hast du mal Lust auf einen Kaffee. Würde mich freuen.“

Einfach, für die schönen Momente im Leben.

 

Danke dafür,

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