meer

Bis dass der Tod uns schied: Held

Veröffentlicht: Sonntag, 29. Juni 2014

Ich bin gestern von einer Zeitschrift gefragt worden, ob ich einen Text für eine Ausgabe zum Thema „Helden“ schreiben könnte. Ich saß also auf dem Sofa und habe überlegt, wer die Helden meines Lebens sind. Lukas Podolski, William Shakespeare und mein Vater. Aber schon wieder einen Essay über Poldi oder Willi schreiben? Nein.

Ich entschied mich also, bei den real life Helden zu bleiben. Meinem Vater zum Beispiel, meinen Freunden oder der Taxi-Fahrer, der mich mit 16 für nicht mal den halben Preis vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Hause aufs Dorf kutschiert hat. Weil keine Züge mehr fuhren und die Bahnhofsmission wegen Umbauarbeiten geschlossen war.

Wahrscheinlich sind die größten Helden unseres Lebens immer die, die nicht mit Medaillen behängt oder mit Awards beschenkt sind. Mein bester Freund Jan war so einer. Und wenn ich genauer drüber nachdenke, hat niemand meine Vorstellung vom Traummann so stark geprägt wie er.

Jedes Jahr, wenn der Juli kommt, frage ich mich, ob Jan das überhaupt weiß. Dass er für mich immer der Schönste bleiben wird. Der Coolste. Und der Liebenswerteste. Obwohl er mich damals allein gelassen hat. Zu einer Zeit als ich ihn wirklich gebraucht habe.

Wir waren gerade ins Studium gegangen. Da war diese Party bei Marc. Ich habe spontan abgesagt, weil ich noch für Statistik lernen musste. Er fand das nicht so cool. Weil ich zwei Monate Zeit hatte, um mir das Skript rein zu drücken. Also hat er mir einen ziemlich blöden Spruch gedrückt und ist allein gefahren.

Und dann war da dieser Anruf am nächsten Morgen. „Hast du gerade Zeit, um nach Frankfurt reinzufahren?“ – „Warum?“ – „Kann ich dir jetzt nicht sagen. Komm einfach.“ Es war ein Sonntagnachmittag im Dezember, kurz vor Weihnachten, noch drei Tage bis zu Klausur. Ich setzte mich in meinen Golf und fuhr nach Frankfurt.

Marcs Wohnung schien im Chaos der letzten Nacht unterzugehen. „Mach dir nen Drink“, sagte Marc und zeigte auf die halbleeren Wodka-Flaschen auf dem Wohnzimmertisch. Ich fischte mir noch ein paar Eiswürfel aus dem Gefrierfach und schüttete fachmännisch Red Bull dazu.

Also, warum bin ich hergefahren?“ Marc, der sonst eher federleicht durchs Leben lief, bedrückt aus. Und ließ es einfach raus: „Jan ist heute Nacht in den Tot gefahren.“ Ich weiß noch, dass ich keinen Schluck Wodka getrunken habe. Sondern nur geweint. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Und noch die nächste Woche.

Jedes Jahr, wenn der Juli kommt, denke ich an Jan, der mich bei Liebeskummer getröstet hat, der mir Statistik erklärt hat und der vor allem den ersten ernsthaften Eintrag auf diesem Blog provoziert hat. Damals schrieb ich:

„Ich wollte immer sein wie Du. Denn Du warst der Bessere. Nicht nur in Mathe und im Fußball. Du konntest weiter springen als ich, mehr trinken und der Mittelscheitel stand Dir besser. Zugegeben. Wenn Du in einen Raum kamst, waren alle Augen auf Dich gerichtet. Besonders meine. Vielleicht war ich damals ein kleine wenig in Dich verliebt, und vielleicht war genau das der Grund, warum ich Dich gehasst habe, nachdem der Deckel geschlossen und die letzte Rose geworfen worden war. Allein gelassen zu werden ist schlimm genug. Schlimmer, wenn nicht nur Welten, sondern zwei Meter feuchte Erde zwischen Menschen liegen. Bereits Tage später war ich auf der nächsten Party. Mit Alkohol büßt die Endlichkeit ihre Unendlichkeit ein, zumindest für eine Nacht.“

[youtube_sc url=”https://www.youtube.com/watch?v=0IA3ZvCkRkQ”]

Ich habe Mitte Juli nicht mehr das Problem, mir zu überlegen, was ich Jan zum Geburtstag schenken soll. Dieses Soll ist erfüllt. „Wahrscheinlich wäre das schönste Geschenk, wenn Deutschland ausgerechnet an seinem Geburtstag Weltmeister wird“, hat Marc gestern am Telefon gesagt. Ich möchte das so unterschreiben. Auch, dass Jan ein Held war. Nicht, weil er aussah wie in Gott, kickte wie ein Halbgott oder ein göttlicher Entertainer war. Vor allem, weil er immer für seine Freunde da war, sich auch mal opferte.  In all den Jahren. Bis er mit Vollgas gegen die Leitplanke fuhr.

Und darauf kommt es doch an, im Leben: Für andere da zu sein, ihnen beizustehen, die letzte Zigarette mit 16 teilen und das Leid mit 20 ebenso wie die Freude. Unter Freunden. Und wie jeden Tag in den letzten 13 Jahren weiß ich, dass mich Jan gerade sieht. Und ich bin mir sicher, dass er mit Flügeln echt kacke aussehen muss. Und ich hoffe, dass er seine Hosen nicht mehr in den Kniekehlen trägt und die Airs immer noch in dezentem Weiß.

So wie damals. Als wir uns zum letzten Mal gesehen haben. An einem Freitagabend im Dezember 2001 auf seinem Sofa. Bei Drinks und irgendwelchen Gesprächen darüber, was wir nach dem Studium machen könnten. Und könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich alles tun, dass seine letzten Worte an mich nicht: „Dann lern mal schön, Langweiler“, gewesen wären.

Wüsstest Jan, was Facebook ist, würde er jetzt „Gefällt mir“ mir drücken. Wüsstest er, was ich ich den letzten Jahren so getrieben habe, würde er mir mit der anderen Hand in die Fresse hauen. Und zwar so richtig! Vor allem für alle schönen Idioten, die ich gedatet habe. Die trotzdem nie an ihn rankamen. Danach würden wir auf dem Bett liegen, Trash-TV gucken, Wodka trinken und uns SMS vorlesen, die wir nicht abgeschickt haben.

Vielleicht ist Jan mein großer Held, weil er nicht die Zeit hatte, sich zu entmystifizieren. Dann ist das eben so. Es gibt Momente, in denen wir wirklich kapieren, wie wichtig Freunde sind – und was sie zu unseren Helden macht. Zum Beispiel, wenn wir alte Postkarten finden. Auf einer steht: „Hoffe es läuft! Durchhalten. Du schaffst alles. Ich weiß das, du weißt das! Grüße von Malle! Du fehlst hier!“ Oder Fotos von diesem großen, blonden, schönen Mann, den ich ich mir nie schöner hätte ausmalen können.

Das ist kein „Don’t drink and drive!“-Text. Auch kein „Die Besten gehen immer zu früh“-Ding. Einfach ein Text über die Juli-Melancholie, einen Traummann und Helden, dessen Rat ich immer wieder schmerzlich vermisse. Als Held wird man nicht geboren. Als Held stirbt man. Manchmal zu früh.

Manchmal, im Dezember, wenn es kalt ist, schlafe ich in deinem blauen Starter-Pullover. Seit 13 Jahren. Näher werden wir uns leider nie wieder kommen. Never.

Du warst der beste – EVER, EVER, EVER!

kurz-unterschrift2
Nachtrag:


Mehr aus meinem Tagebuch – HIER

Antworten

Teil mir Deine Meinung mit. Ich freue mich über Feedback!