Fieber

Beziehungspotenziale: Sich einfach mal retten lassen

Veröffentlicht: Sonntag, 4. September 2016

Wahrscheinlich war es der beste Sex, den ich seit Monaten gehabt hatte. Und dabei wollte ich es unbedingt belassen. „Das war echt gut“, dachte ich. Erschöpft und glücklich. Kurz war ich versucht, mich gehen und zurück in seinen Arm fallen zu lassen. Stattdessen stand ich auf und sagte mit Blick auf die Uhr: „Ich bin um neun zum Essen verabredet. Sorry, dass ich jetzt so einen Stress schieben muss. Im Grunde bin ich jetzt schon zu spät.“

Nicht, dass er nicht einfach hätte mitkommen können. Aber wir hatten das schon vor ein paar Wochen geklärt. Ganz explizit. „Du, ich hätte gar keinen Bock mit dir essen zu gehen“, hatte mich Max an einem Mittwoch, wissen lassen, als er nach Feierabend kurz vorbeigekommen war. Zum Vögeln. Für mich völlig fine. Vielmehr hatte auch Max an diesem Abend noch andere Pläne. „Ich habe noch Training.“ Alles gut.

Gut. Nach einem Jahr Leiden war ich einfach froh, den letzten Liebeskummer irgendwann überstanden zu haben. Vor einer neuen Überreaktion wegen eines neuen Max‘ mit breiten Schultern, blauen Augen und schier unwiderstehlichem Sexappeal wollte ich mich unbedingt schützen. Vor allem mit Blick auf meinen Terminkalender für die kommenden Wochen. Irgendetwas Ernsthaftes zu starten, würde in diesem Herbst überhaupt keinen Sinn ergeben.

Die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind

Ein realistischer Ansatz, Beziehungen zu betrachten, fordert, dass wir sie exakt so bewerten sollten, wie sie wirklich sind. Eben nicht, wie sie sein könnten, würden sich bestimmte Bedingungen ändern, Variablen oder Lebensumstände.

Ich stand lange Zeit genau auf der anderen Seite dieses Bewertungssystems. Der idealistischen. Ich habe Beziehungen gerade in der Anfangsphase vor allem nach ihren Potenzialen bewertet – und dabei dummerweise vorausgesetzt, dass sich Potenziale tatsächlich ausschöpfen lassen, wenn ich nur zielbewusst genug darauf hinarbeite. Mit Herzblut, Schweiß und Tränen sozusagen.

Etwa ein Jahr nach der größten Herzenshavarie meines Lebens kann ich definitiv sagen, dass dieser Weg eine Sackgasse war. In Wahrheit sogar extrem naiv. Weil sich Menschen und Männer eben nur ändern lassen, wenn sie es wirklich wollen.

Zumindest ich war eine Wandlung durchlaufen. Ich wollte vorerst keine Beziehung mehr haben. Ein Jahr lang hatte ich mich mit allen möglichen Vermeidungsmechanismen mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, irgendjemanden näher kennen zu lernen. Vielmehr war ich jedes Mal förmlich davor weggelaufen.

Einfach guter Sex

Was den neuen Max betrifft, hatte ich mich zumindest darauf eingelassen, ihn immer wieder reinzulassen. Jedes Mal mit dem Vorsatz, diesmal schlauer zu sein, und das Ding zwischen ihm und mir einfach für das zu schätzen, was es wirklich ist: hervorragender Sex, der meistens kurz nach sechs in der Bahn nach Hause mit Sexting begann und in der Regel kurz vor neun endete.

Nun liegt das große Problem im Reduzieren zwischenmenschlicher Beziehungen auf einen einzigen Aspekt erstens in der großen Herausforderung, konsequent zu bleiben, und zweitens in der Pflicht, in diesem ausgewählten Ausschnitt des Lebens permanent alle Potenziale auszuschöpfen. So leben Fickfreundschaften eben vor allem von Verlässlichkeit.

Hühnersuppe fürs Herz

Mich hatten die Kräfte verlassen.  Als ich das Büro am Freitag vorzeitig  mit den ersten Anzeichen einer Grippe verließ, sagte ich das für Samstagnachmittag verabredete Treffen ab – obwohl  es angesichts Einweihungspartys, geplanten Kieztouren und viel Arbeit auf dem Schreibtisch zuhause extrem schwer gewesen war, überhaupt einen Termin zu finden.

Nach mehreren genauso erwarteten „Geht es dir wirklich so schlecht?“-Nachrichten via WhatsApp kam schließlich gar nichts mehr. Bis halb 9. Ich hatte inzwischen ein paar Stunden geschlafen und mich damit abgefunden, dass Max wahrscheinlich gerade mit jemand anderem vögelte. Ich weiß nicht, ob es am allgemeinen Wehleiden lag, das Abende mit Fieber mit sich bringen, auf jeden Fall störte mich die Vorstellung.

„Wie geht’s dir?“, schrieb er. „Scheiße“, antwortete ich. „Weißt du was, dann komme ich mit Hühnersuppe bei dir vorbei.“ Ich überlegte einen kurzen Moment und dachte: „Nein, ich will nicht gerettet werden. Schon gar nicht von ihm.“ – Und antwortete im denkbar schwächsten Moment seit wir uns kennen:  „Okay, aber nur, wenn es dich nicht stört, dass ich richtig scheiße aussehe und Sex heute gar nicht geht…”

Tat es nicht. Der Abend endete mit Hühnersuppe und einem Film. Das fühlte sich richtig an – und doch falsch, zumindest in dem Film, den wir bisher gefahren hatten. Als er am nächsten Abend auf dem Weg zum Alstervergnügen wieder mit Hühnersuppe vor meiner Tür stand, war ich sogar kurz davor, ihm zu sagen, wie ich wirklich heiße. Sein Zeitplan kam dazwischen. „Die Jungs warten um 9 am Jungfernstieg“, sagte er, tätschelte mir über den Kopf und ließ mich weiter schlafen.

Sich einfach mal retten lassen

Als ich heute Morgen schweißgebadet aufwachte, war ich froh, dass er noch immer nicht weiß, wie ich heiße. Denn so wird er nie erfahren, wie ich wirklich über ihn denke. Dass ich ihn fast gefragt hätte, ob er nicht doch noch ein bisschen bleiben wolle. Den Menschen mit Fieber wollen immer gerettet werden.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir im wahren Leben zusammen passen würden. Und dennoch merkte ich, dass ich es mir ein wenig besser ging, während er mit Sicherheitsabstand auf meinem Sofa saß. Heute Morgen habe ich über die letzten dreieinhalb Jahre nachgedacht. Die Jahre zwischen Maxtasy und Maxtinenz und über das maximale Mahnmal, das tausendfach gedruckt in meinem Buch steht: „Für Max aus Hamburg.“

Ich beschloss, die Widmung einfach auf den neuen Max umzumünzen. Nur für die Hühnersuppe selbstverständlich. Und für das gute Gefühl, sich einfach mal retten zu lassen, wenn man sowieso zu schwach ist, um sich zu wehren.

Feel the fever,

kurz-unterschrift11

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