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Ich date – also bin ich (Kunst)

Veröffentlicht: Donnerstag, 28. Juli 2011

Letzte Woche habe ich versucht, in einen Branchentempel auf die Pirsch zu gehen: die Provinz-Disco. Mein Plan, auf der U27-Single-Party nicht aufzufallen, funktionierte eigentlich fabelhaft. Dann legte der DJ die Eighties-Hymne „Girls Just Wanna Have Fun“ auf. Als ich nach einem entlarvenden Nostalgie-Hysterie-Anfall von 4,21 Minuten wieder zu Sinnen kam, stand ich allein auf der Tanzfläche. Und alle Hip-Teens, die gerade noch mit unförmigen Bewegungen jeden mittelprächtigen Guetta-Song gefeiert hatten, bewegten plötzlich nur noch eines: ihre Augenbrauen. Nach oben! Die kosmetische Lüge flog auf, die bösen Jungs vor der Tür waren empört. Da half selbst mein gefälschter Schülerausweis von 1995 nicht mehr. Textsicherheit scheidet die Generationen. Kunstgeschmack ebenfalls.

Andere sind im Vortäuschen falscher Tatsachen einfach besser. Siehe Banksy: Der gewitzte Brite hat sich vom gejagten Guerilla-Maler aus Bristol über London zur mystischen Lichtfigur der internationalen Street-Art-Szene hochstilisiert. Unter anderem mittels dreister Altersfälschungen. Bei Scotland Yard steht er bis heute auf der „Gästeliste“. Das ist gut für die Street Credibility. Frauen stehen auf böse Jungs. Kunstsammler ebenfalls. Ich auch, solange sie mir sagen, dass ich wie U27 aussehe.

Gewitzte Briten: Kunstvoller Schmuggel ist lukrativ

Als Banksy begann, seine Werke heimlich in Branchentempeln wie die Tate Gallery, das Louvre oder das Metropolitan Museum of Art zu hängen, setzte erst Empörung, dann der Jagdtrieb ein. Im prominentesten Exempel schmuggelte er einen Stein, auf dem ein prähistorisches Männchen zu sehen ist. Auf seiner Jagd nach Freiwild schiebt das Männchen einen Einkaufswagen im Aldi-Style vor sich her. Angeblich überdauerte die Fälschung eine Woche zwischen den echten Höhlenmalereien des British Museums, bevor der Schwindel auf-, aber nicht rausflog. Der Stein landete nämlich gleich im Präsenzbestand des Hauses. Die Briten sind eben gewitzt, nicht nur beim Schwindeln, sondern auch beim Eintüten. Fragt doch mal die englischen Nationaltorhüter und –rinnen.

Ähnlich dem WM-Elfmeterschießen mit englischer Beteiligung folgen auch das Verhalten paarungswilliger Großstädter und die englische Street-Art ganz eigenen Gesetzen. Während die Keeper einfach nur dämlich sind, unterliegen Singles und coole Künstler, die im öffentlichen Raum wirken, einem verblüffend ähnlichen Reglement. Dieses greift weit über den Hang zu Scheinwahrheiten hinaus.

Anonymität + Reiz des Verbotenen = Kunst = Dating

Anonymität sowie der Reiz des Verbotenen spielen in beiden Fällen die entscheidenden Rollen. Denn Großstadtsingles küssen über die Jahre derart viele Loser, dass ihre letzte Hoffnung irgendwann automatisch im nervenaufreibenden Perlentauchen liegen muss: dem Blind Date mit Fremden. Was Sprayer und Wandmaler betrifft, ergibt sich die verbindende Regel bereits aus der Tatsache, dass künstliche Geheimnisse um die eigene Person den Marktwert ungemein steigern. Der erhoffte Kick generiert sich aus der kriminellen Energie der Spraydose.

Von Banksy existieren nur zwei unscharfe Fotos. Mit folgendem Effekt: Seine Werke kamen bei großen Auktionshäusern zwischenzeitlich für mehr als eine Million US-Dollar unter den Hammer. „Banksy Bonanza“ nannte Sotheby’s sein Street-Art-Verkaufsevent 2007. Goldgräberfieber! Alexander Mendes Auktionsreportage in der „Süddeutschen“ las sich tatsächlich wie die Chronologie der Findungsphase eines beliebigen Blind Dates: „Ist er da? Vielleicht der sportliche Herr da hinten an einer der kahlen Wände? Oder der Typ mit der Kappe hinten links?“ (mehr HIER)

Berlin mischt in der Street-Art-Szene mit

Das Banksy-Prinzip hat Nachahmer gefunden. „Berlin steckt voller Kunst. Die Kreativität hängt nicht nur in Museen und Galerien, sie ist auch an Hauswänden und Bauzäunen, an Laternenmasten und Mauern zu sehen“, schreibt dpa-Autorin Doreen Fiedler über die Werke von Künstlern wie Alias. Oft in der Nacht und illegal malten die Street-Art-Künstler mit Tapetenroller und Pinsel meterhohe Bilder an Häuser. „Die Kunst muss raus auf die Häuserwände“, wird schließlich Street Artist Emess zitiert. Stimmt. Doch sie landet längst auch in teuren Galerien.

Anlaufpunkt: West Berlin Gallery

Die West Berlin Gallery hat sich gewinnbringend auf Street Art spezialisiert. Statt Gerhard Richters oder Joseph Beuys‘ vermittelt sie Werke von Künstlern wie „Alias“, „Linda’s Ex“ und „Prost“ – Namen, die wie Pseudonyme aus einem virtuellen Chatroom klingen. Wer hier ein Exponat erwirbt, holt sich quasi ein Blind Date ins Haus. Denn die sozialkritische Street Art ist stets Spiegel ihrer Produzenten. Diese streuen ihre Drucke, Sticker und Gemälde als direkte Aufforderungen, in den Dialog einzutreten. Mit dem öffentlichen Raum ebenso wie mit ihren Botschaften.

(Übrigens: Mir hat auch mal jemand ein Kunstwerk im öffentlichen Raum gewidmet... mehr HIER!)

Blind Date im Wohnzimmer

Bedenkt: Wer sich eines von Dolly Busters erotischen Acrylgemälden ins Wohnzimmer hängt, der weiß genau, wessen Geistes Kind dort fortan für (intellektuelle) Schwingungen und (visuelle) Stimulation sorgt. Aber wer weiß bitte, welche Psychosen „Linda’s Ex“ mit sich herumschleppt? Sorry, nicht jede Linda ist so cool wie Linda Evangelista! Skurrilstes Ergebnis meiner Online-Recherche: Linda Kagerbauer: Eine Lila-liebende Jungfeministin, die auf ihrer Homepage bierernst fragt, wie es gelingen kann, „den Ansprüchen einer parteilichen, feministischen Mädchenarbeit in Zeiten von Germany‘s next Topmodel und Pornorap gerecht zu werden.“ Linda soll diese Frage bitte außerhalb meines Wohnzimmers erörtern.

Singles, Street-Art und der Verfall

Zumindest sollte den protegierten Werken von „Linda’s Ex“ das gängige Schicksal von Kunst im öffentlichen Raum und Around-Thirty-Singles erspart bleiben: der Verfall! Sogar Banksys Werke fallen immer wieder kommunalen Verwaltungsstellen zum Opfer. So ließ die Verkehrsorganisation „Transport for London“ seine überdimensionale Pulp-Fiction-Parodie mit der Begründung von einem Gebäude entfernen, dass es sich bei den Mitarbeitern um professionelle Reinigungskräfte, nicht um Kunstkritiker handele.

Singles machen “Lebenskunst”

Gleichsam unsensibel werden wir Singles gelegentlich von postpubertierenden Partybremsen abgefertigt, die unseren Paarungswillen verteufeln, ohne unser post-modernistisches Lebenskünstlertum je verstanden zu haben: Eat / Pray / Love – gegen Frust / für Liebe / Bridget Jones, beide Teile.

Singles sind kulturbildend

Es sind übrigens immer genau diese Spießer, die sich krasse Street-Art aus hippen Berliner Galerien ins Wohnzimmer hängen. Und insgeheim vergöttern sie auch uns. Denn wir Around-Thirty-Singles selbst erfüllen jedes Kriterium der Street Art:

– wir laden zum Dialog ein („Ich geb‘ dir einfach mal meine Nummer!“) und schließen Blind Dates in fremden Wohnzimmern nie aus („Ich komme einfach mal zum DVD-Gucken vorbei, ja?“)

– wir müssen keine großen Worte um bürgerliche Namen machen (Nenn‘ mich einfach ‘Baby‘, Tiger!“)

– wir sind eine Zierde und zugleich verrucht („Ich war auf einer privaten Klosterschule, selbstverständlich sind wir zum Beten in die Knie gegangen!“)

Deshalb sollte man unseren Lebenswandel inklusive kosmetische Schummeleien („Klar bin ich U27. Ich hab‘ ne Justin-Bieber-Frisur!“) doch bitte endlich als kulturbildend würdigen!


Wer Lust hat, an der fabelhaften Auktion „Brad Bonanza“ teilzunehmen, sollte öfter mal meine Facebook-Seite anklicken. Auf der Pinnwand mache ich nämlich fast jeden Tag Kunst im öffentlichen Raum – inklusive der obligatorischen Kernbotschaft. Banksy persönlich hat sie unwissentlich so formuliert: „There are four basic human needs: food, sleep, sex and revenge.“

Guten Abend, ich bin gerade aufgewacht,

 

 

 

 

Text auch im STREIFZUG/August – HIER!

Übrigens: Wer sehen möchte, wie Street-Art entsteht, sollte zwischen dem 11. und 13. August mal in Gießen vorbeischauen. Der Künstler Swanski aus Warschau wird in der Mühlstraße eine Wand bemalen!

… und: wir lieben nicht nur Street-Art, sondern auch Models. Warum? Mehr HIER!

andere Favoriten:

> Sexy Fußballerinnen Re-loaded. Mehr HIER!

> Das waren die Neunziger. Mehr HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Holly am Mittwoch, 27. Juli 2011

    LÜÜÜÜÜGE, bitte um Verbesserung! i just say i need a hero ;)

  2. Gepostet von Brad am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Don’t get your point…

  3. Gepostet von Kenan am Donnerstag, 28. Juli 2011

    geiler text

  4. Gepostet von Brad am Donnerstag, 28. Juli 2011

    Hey Kenan! Vielen Dank und viel Spaß beim Lesestoff-Stöbern weiterhin ;)

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