Ein Tag am Meer

Arschlochfrei

Veröffentlicht: Montag, 10. November 2014

„Warum lächelst du so?“, fragte er mich als ich in seinen Wagen stieg. „Weil ich glücklich bin“, antwortete ich, „weil es perfekt war.“ Mehr musste auch nicht gesagt werden. Ich war gar nicht fähig, noch irgendetwas zu sagen.

Während wir auf der Autobahn hoch Richtung Norden rauschten, war ich mehr damit beschäftigt, die Augenlider offen zu halten, die schwer wie Steine nach unten drückten. Und immer, wenn ich ihnen nachgab, rauschte die letzte Nacht noch einmal an mir vorbei. Untermalt von Liebeslidern.

Da wurde mein Herz leicht und begann zu springen. Wie ich an diesem Morgen vielleicht vor Freude gesprungen wäre, hätte ich weniger Drinks und mehr Schlaf gehabt. So kam ich eine Stunde später schlaftrunken an der Ostsee an. Schlaftrunken, liebestrunken, betrunken und sicher, dass ich mir diesen Tag nicht schön trinken musste. Weil ich neben dem aufgewacht war, den ich liebe. Und das tat mir unglaublich gut.

Ich erzählte ihm bei einer Coke von der letzten Nacht. Wie ich heute Morgen aufgewacht und einfach glücklich gewesen war. Ich lächelte. Er lächelte mit. Gönnend, obwohl er zumeist ganz anderer Meinung ist, wenn es um diesen Mann geht. Er freute sich trotzdem mit mir. Weil er weiß, dass es mir nicht gut geht, wenn ich ohne ihn aufwache. Und das war ihm guter Grund genug.

 

Im Leben geht es leider nicht nur darum, diese Menschen zu entdecken, die uns gut tun. Die ein Lächeln in uns wecken und uns mit ihrem anstecken. In deren Windschatten wir sicher fahren, wenn die anderen sicherlich schon Fahnenflucht begangen haben. Die gerade dann unsere Seite suchen, wenn die anderen längst das Weite gesucht haben. Die unsere Entscheidungen mittragen, obwohl sie sich selbst anders entschieden hätten. Manchmal für eine andere Abendbegleitung auf dem Weg in ein neues Lebensjahr.

Ja, die große Herausforderung des Glücklichseins ist auch immer folgende: Jene zu entlarven, die uns nur pissfreundlich ins Gesicht lächeln, während sie bereits wieder versuchen, uns ans Bein zu pissen. Das ist der Grund, warum ich beschloss, mich zu verpissen und meinen Geburtstag komplett auf der Insel der Glückseligen zu verbringen. Heißt: arschlochfrei. Anders: ausschließlich Menschen sehen, die ich liebe.

Rechne ich die drei Stunden Schlaf der letzten Nacht sowie diese einsame letzte Geburtstagsstunde am Schreibtisch raus, war ich heute 20 Stunden von Liebe umgeben. Das sind 1200 Minuten oder 72000 Sekunden. Ich musste keine Sekunde überlegen um festzustellen, dass das der perfekte Tag war. Denn mehr kann man sich nicht wünschen. Nicht an Geburtstagen – und nicht anderswann.

 

Ich bin eigentlich gar nicht der Geburtstagstyp. Für mich ist der 10. November lediglich ein Anlass, ein paar der Menschen zu sehen, die mir wichtig sind. Während wir an der Strandpromenade entlang liefen, schaltete ich zum ersten Mal an diesem Tag mein iPhone ein und freute mich über die vielen Nachrichten von Menschen, die offensichtlich an mich gedacht hatten. Darunter alte Freunde, neue Freunde und viele Leute, die ich nur flüchtig kennen lernen durfte. Auf Partys, auf Jobs, oder weil man nach One Night Stands manchmal sogar Kontaktdaten austauscht.

Gerade habe ich all diese Botschaften, die kurzen und die langen, nach einem spontanen Barbesuch mit Freunden noch einmal gelesen – und glücklich gelächelt. Denn der Name eines Arschlochs war nirgendwo zu lesen, nicht mal in CC. Weder im E-Mail-Eingang, noch auf den sozialen Netzwerken, auf Briefumschlägen oder in SMS- oder WhatsApp-Nachrichten. Auch nicht auf der Verpasste-Anrufe-Liste. Also streiche ich jetzt ein weiteres Ziel für 2014 von meiner Liste: den perfekten Geburtstag.

„Danke für den schönen Tag“, maile er mir gerade. „Dir auch“, antwortete ich. Mehr musste auch nicht mehr gesagt werden. Denn der Rest steht hier im Text.

Danke an alle, die an mich gedacht haben,

kurz-unterschrift11

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