Müll

Die Arschloch-Mutation im falschen Break-Up-Moment

Veröffentlicht: Sonntag, 14. August 2016

Nebenan endet der Spaß vorerst mit einem lauten Knall. Beziehungsweise mit einem spitzen Schrei, der den vom flauschigen Untergrund nur teils abgefangenen Fall noch übertönt. „Hol mal einer ein Handtuch aus dem Bad“, höre ich Nele gegen Strobo-Pop und Deutschrap anschreien. Die Hoffnung, dass sich inzwischen Mitte-Dreißigjährige in Gegenwart einer Bong anders verhalten würden als Teenager auf der Grillwiese, war fett enttäuscht worden.

Ich selbst hatte an diesem Abend nie wirklich Spaß gehabt. Meine Prognose für den restlichen Verlauf: Noch schnell vor Mitternacht betrunken sein, den Folgetag irgendwie überstehen. Lieber vom Kater gegeißelt als von Liebeskummer. Eigentlich hatte ich mich nur noch einmal vom Sofa aufgerafft, weil Lasse mich am Abend zuvor zwecks Abschießens mit Mexikanern zwischen besoffenen Engländern auf die Große Freiheit begleitet hatte. Ich war so frei, mitzugehen. Ich hatte gegenwärtig sowieso nichts Besseres vor als mich mit meiner Vergangenheit zu quälen – in der Nacht, von der alle sagten, dass sie irgendwann kommen würde.

Es ist also soweit. Während ich mich am Wohnzimmer vorbei weiter Richtung Küche kämpfe, sehe ich, wie Nele panisch zu Boden geht, um die braune Brühe von der geschmacklosen Eisbärfellattrappe vor dem Fernseher zu tupfen, ohne dabei ihr cremefarbenes Kleid zu ruinieren. Ich wusste, dass die protzige Bong aus silbrig meliertem Glas irgendwann kippen würde, so wie meine Stimmung, je näher wir Mitternacht kommen. Dass dieses Malheur ausgerechnet jetzt passiert, betrachte ich trotzdem als unglücklich, denn ausgerechnet heute bin ich total nüchtern. Oder ernüchtert. Je nachdem, ob ich nur den Verlauf dieses Abends, oder den der letzten zwölf Monate betrachte.

Auch, dass wir uns verloren haben, empfinde ich als sub-optimal. Irgendwo im hektischen Gewimmel aus Werbern mit Hipster-Bärten, Medienleuten mit Snapback, zehn Jahre jüngeren Models und anderen coolen Kollegen, die diese hippen House-Partys für gewöhnlich besuchen. Oder besser frequentieren. Vor dem Feiern. So wie wir. In den letzten Monaten leisteten wir dem Ruf der schicken Schanzenpartys immer häufiger Folge. Um die Arbeitswoche bei Deutschrap-Beats besser abzuschütteln. Besser gesagt: Um uns wachzurütteln, bevor wir die Reeperbahn anpeilen. Den Mojo oder so. Doch an diesem Freitag ist die Mission eine andere. Eben nicht abschießen, sondern abschließen.

Es ist kurz nach halb 12. Ich schiebe mich an Tanzenden und nervös Tippelnden in der viel zu langen Kloschlange im viel zu engen Flur vorbei zu den Koksern in die Küche. Doch auch zwischen dem politisch korrekten Vegetarier-Leckereien und den verschwenderischen Lines, die irgendjemand Übergeschnapptes für den allgemeinen Bedarf neben dem Humus aufgereiht haben muss, keine Spur. Weder auf der von Rauchern gehaltenen Terrasse, noch im Schlafzimmer, wo der Gastgeber gerade die blonde Frau mit dem rückenfreien Kleid aufs Kreuz legt. Zumindest sagen das die Gäste in der Kloschlange vor der Tür.

Auf weiter Flur kein Lasse. Ich beginne mich zu fragen, was ich eigentlich hier mache. Also zurück in die Küche, um wenigstens einen Drink in der Hand zu haben, bevor mir die Stunde schlägt. „Wie geht’s dir?“, höre ich plötzlich eine vertraute Stimme, während ich nach einer der letzten Gurkenscheiben fische, um sie zum überteuerten Hamburger Gin in die letzte saubere Kaffeetasse fallen lasse. Da stehe ich also: Etwa fünfzehn Minuten vor meinem Trennungsjahrestag – noch völlig nüchtern fassungslos vor dem Typ, den ich nach mehreren „Lass uns Kochen und ‘nen Film gucken“-Abenden wieder abschoss. Beziehungsweise einfach nicht mehr zurückrief.

„Ziemlich viel zu tun“, versuche ich die unangenehme Situation mit fester Stimme zu übertönen, halte mich mit feuchten Fingern an meinem Drink fest und nehme gleich drei kräftige Züge. Und noch einen. Dann der nervöse Blick auf das iPhone. Inzwischen ist es kurz vor zwölf und weder Spur, noch Nachricht von Lasse. Dafür der aufgeschobene Break-Up-Moment mit Malte. In der Kokser-Designerküche auf der schicken Schanzenparty – sechzehn Minuten vor meinem Trennungsjahrestag. „Du siehst gut aus. Coole Jacke“, sagt Malte und lehnt sich lässig neben mich an die Arbeitsplatte, auf der ich gerade meinen Gin verstärke.

Wäre ich verliebt, würde ich euch jetzt erzählen, wie strahlend er mich mit seinen hellgrünen Augen anzwinkert, um mir zu signalisieren, dass ich ruhig mal wieder anrufen könnte, wenn mir abends die Decke auf den Kopf fällt. Zugegeben war es immer angenehm, unter seiner Decke einzuschlafen. Aber verliebt war ich nicht. Ich glaube derzeit nicht, dass ich mich jemals wieder verlieben kann. Ernsthaft. Zumindest nicht so wie damals. Das Tragische an Arschlöchern ist, dass wir gelegentlich selbst zu einem mutieren. Im Fall Malte musste ich irgendwann kapieren, dass ich mich klarer in den Augen eines anderen gesehen hatte, selbst wenn, oder gerade wenn mein Blick von Tränen getrübt war. Auf jeden Fall, war ich noch nicht bereit, den Blick wieder nach vorn zu lenken. Und bin es noch nicht.

Malte und ich waren uns im Februar auf einer ähnlichen Party in Altona begegnet. Als ich gerade wieder anfing, das Haus zu verlassen. Zuerst zwanghaft. Nur um endlich aufzuhören, jeden Abend heulend auf dem Sofa zu sitzen. Um wieder andere Beziehungen zu haben als die mit meinem Netflix-Account. Dieser hatte sich in den ersten Monaten danach als verlässlicher Partner erwiesen. Immer wenn es darum ging, das Liebeskummerleiden wenigstens zwischen Feierabend und Schlafengehen auszublenden. Bevor es mich nachts in der Stille meines Schlafzimmers doch wieder auffraß. Selbst noch nach dem Frustfressen. Denn wenn du wieder allein bist, ist es das Tragischste, dich allein zu fühlen.

Also haben wir über zwei, drei Monate immer öfter gemeinsam Serien geschaut, hatten wirklich guten Sex, hingen after work irgendwann sogar in Bars rum, oder trafen uns sonntags bei schönem Wetter für einen Spaziergang an den Landungsbrücken. Simulierte Zweisamkeit, für mich vor allem zum Überbrücken. „Warte ab, wenn das Jahr rum ist, bist du drüber weg“, hatte mir Lasse so oft gesagt. Wahrscheinlich eine weitere Notlüge für das bessere Gefühl, wie ich beim zweiten Blick auf mein Smartphone feststellte. Inzwischen war es zehn vor zwölf. Keine Spur von Lasse, dafür Gin aus einer Kaffeetasse und das Gefühl, mich bei Malte entschuldigen müssen. Ich schweige. Weil es sich manchmal einfach besser anfühlt, ein Arschloch zu sein, als einem hinterher zu trauern.

Das Tragische an den großen Trennungen ist, dass jedes Mal ein weiteres Stück der Fassade dessen bröckelt, was du für wahrhaftig hältst. Manchmal sammelst du den Schutt vom Boden trotzdem auf, weil du den Shit eigentlich nicht glauben wirst. Wieder und wieder. Bis das Päckchen schwerer und schwerer wird. Und plötzlich steht jemand vor dir, der es dir extrem einfach macht, den ganzen Müll für ein paar Mai-Abende in der Ecke stehen zu lassen. Dann lässt du dich dankbar treiben, ohne wirklich den Drang zu verspüren, deinen Gefühlsapparat zu re-booten. Malte wirkte auf mich eher wie die Lautsprecher, von der die Party-Playlists aus dem Wohnzimmer durch die ganze Wohnung strömen. Nach der Party werden sie wieder abgestöpselt.

Malte selbst wirkte auf mich wirklich wie ein Verstärker. Für die leise Stimme, die in infantiler Verzweiflung irgendwo in mir drin „Liebeskummer lohnt sich nicht“, gesungen hatte. Tag für Tag. Bis er ernsthaftere Töne anschlug. Das Tragische an gutaussehenden Rebound-Guys ist, dass du sie aus purem Egoismus in jeder Minute nur belügst, vor allem, dass du dich selbst mit ihnen betrügst. Jedes Mal, wenn du neben ihnen einschläfst und heimlich an jemand anderen denkst. Ich schob das Dilemma immer auf schlechtes Timing. Das half meinem schlechten Gewissen, veränderte meinen gegenwärtigen Zustand allerdings nicht. Als ich merkte, dass es langsam ernster wird, konnte ich gar nicht schnell genug nicht mehr zurückzurufen, beziehungsweise auf lautlos umschalten „Schön, dich zu sehen“, sage ich mit dem nettesten Lächeln, dass ich nach einem Gin Tonic gerade produzieren kann, streichele Malte über die Schulter und verlasse die Küche wieder Richtung Wohnzimmer. „Wir sehen uns gleich noch.“

Inzwischen haben die Anwesenden die Eisbärattrappe aus dem Raum geschafft und sind auf Drehen umgestiegen. Keine Lust zu joinen, drehe ich eine letzte verzweifelte Runde und verlasse die Wohnung über die Terrasse Richtung Hof. Malte habe ich abgehängt, aber wo ist Lasse abgeblieben? Zumindest habe ich unter freiem Himmel wieder Handyempfang. Im Klingeln und Vibrieren, das plötzlich auf meinem iPhone losbricht, auch eine Nachricht von Lasse. 23.48: „Ich hol uns schnell was Richtiges zu essen. Lass um 12 abhauen.“

Es ist vier vor zwölf. Während ich auf das große Tor zugehe, sehe ich, wie Lasse mit einer großen, braunen Tüte auf mich zukommt. „Du brauchst ‘ne Chicken-Box“, stellt er fest. Wir entscheiden uns für einen polnischen Abgang. Als die Uhr auf 00.00 umspringt, befinden wir uns bereits mitten auf dem Weg von der Schanze nach St. Pauli. Zwanzig Minuten später verlassen wie die Reeperbahn an der Davidwache rechts Richtung Elbe.

„Alles gut?“, fragt Lasse und schnickt einen Hühnerknochen ins Wasser. Genau an der Stelle, von der aus ich vor zwei Jahren eine Flaschenpost auf den Weg Richtung südliche Stadtteile schickte. „Schickt“, sage ich, und nehme noch einen Schluck Gin aus der Dose. Natürlich meint er nicht den überteuerten Drink vom Kiez-Kiosk. „Geht scheiße“, korrigiere ich mich und schaue auf mein Handy und warte auf die Nachricht, auf die ich seit nunmehr einem Jahr und etwa fünf, sechs „SMS von gestern Nacht“ warte, die letzte im Mai abgeschickt.

Zum Status quo: Das Trennungsjahr ist seit genau 37 Minuten vorbei, die Prognose, dass ich zwölf Monate später drüber weg sein würde, hat sich als falsch erwiesen. Ich sitze an der Elbe mit fünf, sechs Kilo mehr und einem schweren Päckchen. Drei Rebound-Guys und gefühlt 300.000 Drinks später geht es mir zwar nicht mehr ganz so beschissen wie genau heute vor einem Jahr, aber gut ist anders. Zumindest bin ich über das Heulen weg.

Dafür drängt sich in diesem Moment zum allerletzten Mal jene Frage auf, die mir die letzten 365 Tage jeden Abend durch den Kopf geisterte: Willst du nach diesen zweieinhalb Jahren wirklich noch ein weiteres Jahr mit Trauern verschwenden? Damit ist sie endgültig beantwortet. Final. Bevor das Drama in die Verlängerung geht, entscheiden wir uns, die Nacht am Hans-Alberts-Platz zu beenden. Tatsächlich endet sie morgens ins Lasses Bett. Mit dem guten Gefühl, dass das erste, was ich nach dem Trennungsjahr beim Aufwachen sehen werde, ein Freund ist. Die WhatsApp von… „Malte“ ignoriere ich – seit vier Stunden.

Sorry, Malte. Ehrlich.

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