Maryanto Fischer Hamburg

Angstgegner wachsen, während wir warten

Veröffentlicht: Mittwoch, 14. September 2016

Unser nächstes Aufeinandertreffen war seit Wochen unvermeidbar. Ich hatte es trotzdem vermieden, verdrängt und verschoben. Hier, weil ich mich nicht fit genug fühlte, da, weil ich einen schönen Tag nicht mit Trouble schänden wollte, an anderer Stelle, weil es selbst im Leben von Chaoten diesen einen Moment gibt, in dem nichts wichtiger scheint als aufzuräumen. Am besten ein ganzes Wochenende lang. Schon klar. Und plötzlich stand er trotzdem da: mein Angstgegner.

Das Gute an Angstgegnern ist gleichsam das unfassbar Angsteinflößende: Zumindest als unbesiegbare Wesen beziehen sie vor allem in deinem Kopf Stellung. Du kannst sie nicht ausknocken oder austricksen. Du kannst sie nicht verdrängen. Du musst dich ihnen stellen – oder sie stellen dich. Immer dann, wenn die sie am wenigsten brauchen kannst. Abends im Bett vor dem Einschlafen. Morgens auf dem Weg zum Pitch. Im Urlaub, sobald du unfreiwillig viel Zeit zum Nachdenken hast.

Der Gang zum Geldautomat, wenn du weißt, dass du über deine Verhältnisse gelebt hast; die Nacht in deinem Lieblingsclub, wenn du deinen Ex hinter dir in der Schlange gesehen hast; vielleicht auch der Samstag am Badesee, wenn die Waage permanent fünf Kilo zu viel anzeigt – jeder hat seine Angstgegner. In der Grundschule waren meine immer Diktate, meine zweite Fahrprüfung zählte zu ihnen, auch jede Redaktionskonferenz am Tag, an dem ein Text vom Textchef zur Chefredakteurin gegangen war.

Angstgegner wachsen, wenn wir warten

Heute  war ich extra zwei Stunden früher aufgestanden als sonst, hatte beim Kaffeetrinken tief durchgeatmet und mich nach dem Anziehen besonders kritisch im Spiegel angesehen. Weil ich wusste, dass wir uns gleich wieder Auge in Auge gegenüber stehen würden. Nicht, weil er den Termin festgelegt hatte, sondern ich. Dann auch das ist das gleichsam Gute und Schlechte an Angstgegnern: Sie stellen selten Ultimaten. Stattdessen warten sie geduldig, bis du dich ihnen stellst – zumeist am Punkt, an dem sie deinen Kopf bereits derart komplett ausfüllen, dass sie ohnehin unbesiegbar erscheinen. Sie wachsen durch unser Warten.

In den letzten beiden Monaten hatte auch ich jeden Tag Kraft gesammelt. Dennoch beschlich mich beim Schließen der Wohnungstür das ungute Gefühl, dass ich ihm trotzdem nicht gewachsen war. Ich verlängerte den Weg mit einem Umweg zu McDonalds künstlich. Dann entschied ich mich, zum ersten Schlag auszuholen, bevor er mich eiskalt erwischen konnte.

Entschlossen verließ ich den Burger-Laden ohne etwas zu bestellen wieder. Mir war ohnehin mehr flau im Magen als ich hungrig war. Zehn Minuten später dann die Konfrontation, die fünfte in diesem Jahr. Doch wo ich im Februar noch eindeutig den Kürzeren gezogen hatte, bevor sich Fortuna mehr und mehr auf meine Seite schlug, machte ich diesmal kurzen Prozess.

Der doppelte Sieg

„Hätte nicht gedacht, dass es diesmal so verdammt einfach wird“, berichtete ich Ole nur 15 Minuten später am Telefon, „dafür hätte ich nicht früher aufstehen und mich konzentrieren müssen.“ Dann ging ich einfach zum Tagesgeschäft über. Beziehungsweise hatte ich ganz unbemerkt den besten Tag des Jahres – und den Kopf endlich wieder frei für anderes. Wichtigeres. Das Wahre. Das Schöne. Das Gute und so.

Meine gute Laune überlebte heute sogar die drei Kilo zu viel auf der Waage. Denn im Grunde hatte ich einen doppelten Sieg eingefahren: einen gegen den Angstgegner, den zweiten gegen mich selbst.  Die großen Kriege finden im Kopf statt, die großen Siege auch.

David Guetta Feat. Sia – Titanium from David Wilson on Vimeo.

Fire away, fire away,

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