Irgendwann im fünften Semester

Freunde (Hier geht es nicht um Sex)

Veröffentlicht: Samstag, 25. Mai 2013

Die Zeit ist eine Vettel. Das wird uns eigentlich immer erst dann richtig bewusst, wenn sich alte Freunde melden. Freunde, die wir wegen ihrer vermeintlichen Ignoranz aller sozialen Netzwerke im Internet versehentlich für tot – oder mindestens für Freaks hielten. Oder wenn uns der freundliche Friseur eine Kolorierung für Einsteiger anbietet. Verdammt! Denn wenn Google sie nicht kennt, wie würden wir sie wiederfinden – nach all den verlorenen Handys, verwaisten E-Mail-Accounts und verlassenen Stadtwohnungen auf beiden Seiten? Der Friseur hat wenigstens einen Branchenbuch-Eintrag. Und die Zeit rast weiter!

Wir haben uns gleich in der ersten Uni-Woche in der S8 zwischen Frankfurt und Wiesbaden kennengelernt, die Einführungsseminare und die ersten Ausflüge in die Mainzer Altstadt gemeinsam unternommen, um schließlich zu beschließen, dass wir dann doch am Frankfurter Nachtleben hängen, und dass sich Erstsemesterveranstaltungen blauer Publizisten dann doch nicht eignen, um die Campus-Elite kennen zu lernen. Wie waren in Vorlesungen, die längst überholt sind, in Clubs, die es längst schließen mussten, und wir haben BWLer-Jungs gedatet, die längst in der Hölle schmoren. Hoffentlich!

Und dann kam der Tag, an dem ich heulend berichtete, dass ich in einer aufreibenden Dreiecksbeziehung mit zwei BWL-ern festhänge. Der Tag, an dem sie strahlend erzählte, dass sie noch ein paar Semester für ein Doppelstudium dranhängen möchte. Zweigleisig Publizistik und BWL – ein nicht weniger aufreibendes Projekt. Fortan verging die Zeit noch schneller. Irgendwann fand das Studium ein Ende. Das erste Handy fiel versehentlich in einen Pool, erstmals schienen E-Mail-Adressen wie „Mustermann-PartyFreak69@hotmail.com“ nicht mehr zeitgemäß, und als erst der Umzug in die erste Wohnung ohne miese Mitbewohner anstand, hatten wir uns bereits verloren.

Auf einem Regal in meinem Wohnzimmer steht ein gerahmtes Bild, das man nur sehen kann, wenn man sich auf die ganz rechte Seite der Couch setzt. Bis vorgestern hatte ich fast vergessen, dass es dort steht. Ganz rechts zwischen Bildbänden, Belletristik und der Bibel. Es muss in der mexikanischen Bar am Mainzer Bahnhof aufgenommen worden sein, irgendwann im fünften Semester. Gelegentlich habe ich mir dieses Bild angesehen und mich gefragt, was die Brünette rechts inzwischen macht. Nach Doppelstudium und Einsteig bei der Deutschen Bank? War sie an der New Yorker Börse gelandet oder wie viele meiner Freunde von damals in einem Reihenhaus mit zwei Kindern und sicheren Aktien in der Schublade?

Im Internet ging ich mit meiner Suche nach Corinna aus Bad Vilbel für viele Jahre baden. Kein Facebook, kein Xing – und dann: Ka-Ching, stolperte mir in einem dieser sozialen Netzwerke für Business-Stuff ihr Ex über den Weg. Der Ex, der glücklicherweise nicht in der Hölle schmort, sondern sich gerade für Sky auf die Berichterstattung über das Champions League-Finale heute Abend live aus London vorbereitet. Was ein himmlischer Zufall!

Mein Tipp übrigens: Bayern besiegt Dortmund 2:1! Das nur nebenbei, Freunde.

Als ich sie einen Tag später am Telefon hatte, fühlte sich das an wie einen Schatz zu heben. Den Schatz der wilden Jahre am Rhein, von denen wir uns so oft reinwaschen wollten, und an die wir heute wieder nostalgisch zurückdenken wie an ein Märchen aus alten Zeiten. Echtes Rheingold eben!

Schnell haben wir festgestellt, dass sich sieben Jahre nicht in ein Telefonat nach einem aufreibenden Arbeitstag pressen lassen. Deshalb treffen wir uns in drei Wochen an der Elbe. Und dann soll sie mir noch einmal ausführlich erzählen, warum sie weder im Hafen der Ehe, noch in New York gelandet ist. Am besten an den Landungsbrücken. Und ich werde verträumt auf die Schiffe Richtung Welt schauen und denken: „Vielleicht bin ich doch nicht so miserabel, wie ich bis vorgestern dachte!“

Denn das ist das Zauberhafte an Freunden: Sie geben dir immer ein gutes Gefühl. Egal wie weit sie weg sind – und für wie lange!

Kiss your friends & stay fashionable,

Mehr aus meinem Tagebuch – HIER!

Kommentare

  1. Gepostet von Verena am Samstag, 25. Mai 2013

    Freunde sind sooo wichtig. Danke für den Text. Ich glaube, ich sollte mal jemanden anrufen

  2. Gepostet von Julia am Samstag, 25. Mai 2013

    wunderschön!!! toll, dass ihr eich wiedergefunden habt

  3. Gepostet von Brad am Samstag, 25. Mai 2013

    ja, das war wirklich toll. ein tolles gefühl. und plötzlich: zeitmaschine!

  4. Gepostet von Milli am Samstag, 25. Mai 2013

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