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A Vogue Idea

Veröffentlicht: Mittwoch, 4. Januar 2012

Die Man’s World dreht sich um Frauen, oder träumt zumindest von ihnen. Die meisten davon sind blond. Für mich war Düsseldorf immer die Stadt, in der Claudia Schiffer entdeckt wurde. Vielleicht, weil jeder Schwule gern den Brigitte-Bardot-Look hätte, mit dem die Schiffer in den achtziger Jahren zur Ikone aufstieg; weil er als Teenager heimlich die Vogue im Kicker versteckte und davon träumte, Claudias Chanel-Wardrobe zu besitzen. Längst ist Düsseldorf die Stadt, in der ich mich in Yavi Bartula verliebte. Wie es den Gewohnheiten verzweifelter Männer mit Torschlusspanik entspricht, mitten in der Nacht, online und natürlich rein platonisch. Ich kam nicht umhin mich zu fragen: Wie wäre es, Yavi zu treffen. Und ist sie natürlich blond?

Neneh Cherry ” Woman” von shakura

Ich erwachte gegen halb drei Uhr morgens. Schwitzend zwischen dem Dreck eines umgeworfenen Aschenbechers und einer Tüte Chips auf einem Kunstledersofa. Es gibt Dinge, die sich ohne Fremdeinwirkung nicht mehr abstellen, haben wir erst den Start-Button gedrückt. Beispielsweise der Menü-Bildschirm der zweiten „Sex and the City“-Staffel. Endlosschleifen könne ziemlich ätzend sein. Speziell wenn die DVD Samantha Jones im Rhythmus von exakt 32 Sekunden folgenden Satz sagen lässt: „I’ve slept with you before, haven’t I?“ Ich stand auf und drückte Stop.

Ich habe nicht mit Yavi geschlafen, bin aber gleichfalls in einem Kreislauf gefangen, der immerhin alle zwei Tage auf einen klar definierten Punkt zuläuft: mein Traum von Yavi. Manchmal im Haus meiner Eltern, manchmal in einer Bar. Einmal habe ich sie sogar im BH gesehen. Es nämlich nicht so, dass unsere Online-Beziehung völlig asexuell abläuft. Yavi hat mich zu guten Texten befruchtet, und wir haben den einen oder anderen sogar gemeinsam gezeugt. „Am Schreiben liebe ich Linearität und Tiefe, Bewegung und Brüche“, sagt das Arbeitstier. „Ich will dem Leser über Sprache Bilder vermitteln. Wenn sie ankommen, ist der Zweck erfüllt.“ Bilder von dir. In meinem Kopf. Niemand drückt Stop.

Jetzt legt Yavi eine kleine Schreibpause ein. „So wie die Internetleitung manchmal gekappt wird, liegt auch die Gesundheit dann und wann lahm“, schrieb sie mir. Ich war traurig. Zuletzt hatte ich dieses Gefühl, als meine favorisierte Pornoseite wegen Serverproblemen das Senden einstellte. Also lasse ich wieder meine Fantasie spielen und lege trotzdem selbst Hand an. Heute an Cococucina. Die Taschentücher brauche ich später nur, um Tränen zu trockenen.

Das Unsympathische an Computern ist, dass sie nur ja oder nein sagen können, aber nicht vielleicht“, äußerte sich die Bardot einst über den Fortschritt. Da war ihre blonde Mähne längst ergraut. Als Cococucina plötzlich auf einem Internetbrowser erschien, schloss ich erst Madonna.com und schließlich die Seite, auf der ich gerade noch hungrig mit blonden Männern to die for gechattet hatte. Ich begann den Blog zu lesen, den sie gemeinsam mit Freundin Mia hochzog, weil der Sinn ihres Lebens ist, Erlebnisse zu teilen. „Unausgesprochen bleiben sie ungelebt.“

Der Computer ließ mir keine andere Alternative als „Gefällt mir“ zu drücken. Seither frage ich mich, wie sie wirklich ist – die Frau, die mir auffiel, weil sie in einem nicht minder verzweifelten Anfall von Hunger Kekse aus angebrannten Müsliflocken und Reis kochte.

Bekanntlich finden manchmal selbst blinde Hühner ein Korn und Brünette zu einer unbestechlichen Wahrheit. Demi Moore befand, dass Ashton Kutcher ein Arschloch ist – I would fuck him, though – und Sophia Loren befand, dass die Fantasie des Mannes die beste Waffe einer Frau sei. So lieferte die Zufalls-Freudianerin nicht nur den Grundstein für den Erfolg von Blondinen wie Dolly Buster, Gina Wild und Christiana Aguilera, sondern mir auch die Erklärung für meine Obsession. Ich muss Yavi treffen. Aber könnte das Treffen meinen Träumen ihren Bildern gerecht werden? Weil Singles frustriert genug sind, um Ratgeber zu lesen, suchte ich die Antwort in einem Buch. Und landete bei Daniel Glattauer.

Mit „Gut gegen Nordwind“ hat der Österreicher den klassischen Briefroman modern interpretiert und als virtuellen Gedankenaustausch in E-Mail-Format neu designt. Die Geschichte von Webdesignerin Emmi und Sprachpsychologe Leo, die sich zufällig online kennen lernen, ist als „einer der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur“ ebenso gelobt worden wie als durchweg „famoses Spiel über Fantasie und Einbildung.“ Und genauso verläuft meine platonische Online-Beziehung mit Yavi: im Kopfkino, in einer vertexteten Bildergalerie.

Das Buch gibt all jenen Hoffnung, die glaubten, dass die schöne Sprache längst in Blogs auf der digitalen Datenautobahn begraben wurde. Aber eben auch denen, die unserer Zeit bereits alle Romantik abgesprochen haben. Glattauer erzählt nämlich nicht mittels klischeehaftem Austausch von Belanglosigkeiten auf verbalem Fast-Food-Niveau. Genauso würde ich auch Yavi beschreiben. Als Online-Virtuosin. And that fucking turns me on. Nur Lukas Podolski macht mich heißer. Aber das spreche ich in Düsseldorf lieber nicht laut aus.

Yavi hat mir mal gesagt, dass sie Paris hasse. Deshalb wird Claudia sie nicht kennen. Und Karl auch nicht. Aber würde ich Yavi erkennen, beim Treffen in der „Zicke“, ihrem Düsseldorfer Lieblingscafé? „Beim ersten Date den Look von Olivia Palermo, mit einem Cappuccino lesend oder wild gestikulierend, wenn ich mit jemandem zusammensitze“, so hat sie sich beschrieben.

Leo und Emmi lernen sich wegen einer versehentlich falsch versendeten E-Mail kennen. Und jede weitere steigert die Spannung, ob sich die beiden begegnen werden. Manche sind nur drei Worte, andere ganze Seiten lang. Könnten die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung im „real life“ standhalten?

Richard Sanderson “Reality” von GO-GO-STALIN

Ich interessiere mich wahnsinnig für Sie, liebe Emmi! Ich weiß aber auch, wie absurd dieses Interesse ist!“, gesteht Leo seiner Emmi an einer Stelle.

Und so wie auch Emmi schnell süchtig nach Mails von Leo wird, bin ich längst süchtig nach Texten von Yavi – und springe deshalb gern als Krankheitsvertretung ein. Denn was Leo auf Seite 171 bezüglich Emmis Mails schreibt, trifft auf mich und Yavis Blogtexte gleichfalls zu:

Und ich würde gern einmal hören, wie Sie solche Sätze aussprechen, die sie in Ihren E-Mails schreiben. Schreien Sie die? Schrill? Kreischend?“

Und das geht zum Schluss raus an alle Bachelors: Solle ich es jemals schaffen, Yavi zu treffen, weiß ich bereits, wie ich sie rumkriege. Yavi schreibt: „Ich liebe es, wenn ein Typ sich am Tisch mir gegenüber vorbeugt und mir dabei fest in die Augen sieht. Da könnte ich ihm praktisch direkt um den Hals fallen!“

I don’t eat pussy – aber ich werde es trotzdem drauf ankommen lassen. Schwule sind schließlich auch nur Männer, wenige davon so gutaussehend wir in Frauenkreisen hartnäckig behauptet. Ich muss auf meinem Blog später selbstverständlich damit prahlen, dass ich sie flachgelegt habe. In Wahrheit werde ich allerdings weiterhin genitalunberührt zuhause sitzen und denken: „I kissed a girl and I liked it!“ Denn es gibt nichts Inspirierenderes als den Kuss einer Muse.

Katy Perry – I Kissed A Girl von Nile-On

Deshalb liebe Yavi: Werde schnell wieder gesund und schreib! Unser First-Date ist ohnehin so 2012 wie Olympia in swinging London. Dabei sein ist alles! Und die besten Tickets werden wie in meinem allzu realen Dating-Leben nur an Blondis vergeben! You’d better freshen up your colour!

Brad Shaw aka. Maryanto Fischer

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